Morning Brief
KI in Kommunen

KI im Amt: Wenn aufgeräumt war, zahlt es sich aus

Pilotbilanz, der Haken mit der E-Akte, Folgen für Mittelstand und Anbieter

Erschienen am 5:19 Min.Folge 45

Mittwoch, 2. September 2026
KI im Amt: Wenn aufgeräumt war, zahlt es sich aus
0:005:19
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Worum es geht

Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) hat von März bis Mai 2026 zwanzig Pilotprojekte mit agentischer KI in neunzehn Kommunen durchgeführt. Die Bilanz ist besser als erwartet: siebzig Prozent der Lösungen laufen heute im Einsatz, achtundzwanzig Stunden Ersparnis pro Vorgang im besten Fall, Bearbeitungszeiten um über neunzig Prozent reduziert. Und der Haken liegt nicht in der Technik.

Was passiert ist (Akt 1)

Fast sechshundert Bewerbungen für das Programm, mehr als vierhundert von Start-ups, knapp zweihundert von Kommunen. Neunzehn Kommunen, zwanzig Projekte, März bis Mai 2026 im laufenden Betrieb, mit echten Akten und echten Fristen. Ein Beispiel: der Neckar-Odenwald-Kreis hat den Bremer Anbieter lector.ai an die Auskunftsanfragen nach Artikel 15 der Datenschutzgrundverordnung gesetzt. Die Software sichtet, sortiert, schlägt Schwärzungen vor. Entschieden hat weiterhin ein Mensch. Gründer Benjamin von Ardenne berichtet von Fällen, in denen die Bearbeitungszeit von mehreren Arbeitstagen auf wenige Minuten fiel.

Wie es wirklich funktioniert (Akt 2)

Der Haken ist kein technischer. Von Ardenne formuliert ihn selbst: den Auskunftsagenten könne jede Kommune mit einer gepflegten elektronischen Akte direkt nutzen. Die Voraussetzung ist also Datenordnung, nicht Software. Sixty-five Prozent der Pilotlösungen standen in weniger als vier Wochen. Die genauen Zahlen finden Sie in den Shownotes.

Strukturell liegt das Kernproblem tiefer: in vielen Verwaltungen bemessen sich Karriere und Rang an der Zahl der unterstellten Mitarbeiter, nicht an der Wirksamkeit einer Abteilung. Wer Aufgaben automatisiert, macht sich in der eigenen Laufbahn kleiner. Das erklärt, warum die Technik seit Jahren im Flur steht.

Was es im Betrieb bedeutet (Akt 3)

Ein Betrieb, der auf Genehmigungen wartet, merkt als Erster, wenn ein Amt seine Rückstände abbaut. Für Anbieter, die an die öffentliche Hand verkaufen: Phase 2 beginnt am 7. September 2026 und läuft bis 30. November 2026. Ab Anfang 2027 soll das Digitale Kaufhaus, ein dynamisches Beschaffungssystem, erprobte Lösungen ohne eigenes Vergabeverfahren abrufbar machen. Ob es genutzt wird, entscheidet keine Software.

Die interne Frage für jeden Betrieb gilt genauso: Ist die eigene Ablage so geordnet, dass eine Maschine damit arbeiten könnte?

Zahlen und Details

  • 20 Pilotprojekte, 19 Kommunen, 9 Start-ups (Phase 1, März bis Mai 2026)
  • Fast 600 Bewerbungen: mehr als 400 von Start-ups, knapp 200 von Kommunen
  • 70 % der Pilotlösungen im operativen Einsatz
  • 80 % der Pilotprojekte liefen mit kommunalen Echtdaten
  • 65 % der Lösungen standen in weniger als vier Wochen
  • 50 % der Lösungen auf andere Kommunen übertragbar
  • 28 Stunden Ersparnis im besten Fall pro Vorgang; Bearbeitungszeiten um über 90 % reduziert
  • 95 % Zufriedenheit bei den beteiligten Kommunen
  • Phase 2: 7. September bis 30. November 2026
  • Digitales Kaufhaus (dynamisches Beschaffungssystem): vorgesehen für Anfang 2027

Für die Fachabteilung

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Die künstliche Intelligenz steht längst vor dem Amt. Inzwischen hat sie sogar einen Termin.

Guten Morgen. Heute ist Mittwoch, der zweite September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet… in unter sechs Minuten.

Kaum eine Behörde klagt nicht über zu wenig Personal. Stellen bleiben unbesetzt, die Pensionierungswelle rollt, und die Verbliebenen arbeiten Rückstände ab, die von Jahr zu Jahr wachsen. Am Ende der Kette wartet der Bürger auf einen Bescheid, der Wochen braucht, wo Tage reichen würden. Ausgerechnet dort, wo Routine den Arbeitstag bestimmt, wäre für künstliche Intelligenz am meisten zu holen… Post sichten, Anfragen sortieren, Fristen überwachen. Und ausgerechnet dort geschah bisher am wenigsten. Nicht, weil die Technik fehlte. Die steht seit Jahren im Flur.

Es liegt an der Kultur des Hauses. In vielen Verwaltungen bemessen sich Rang und Beförderung an der Zahl der unterstellten Mitarbeiter, nicht an der Wirksamkeit einer Abteilung. Wer ein Team verschlankt, verliert an Gewicht. Wer Aufgaben automatisiert, macht sich in der eigenen Laufbahn kleiner. Im Klartext: man kann in einer Behörde aufsteigen, indem man Arbeit vermehrt, und man kommt kaum voran, indem man sie abschafft. Solange das gilt, wird die beste Software an der Bürotür abgewiesen… mit ausgezeichneten Argumenten.

Umso bemerkenswerter, was das Bundesdigitalministerium im Frühjahr getan hat. Neunzehn Kommunen haben von März bis Mai zwanzig Pilotprojekte mit agentischer künstlicher Intelligenz gefahren, also mit Software, die einen Vorgang selbständig durcharbeitet statt nur Felder auszufüllen. Nicht im Labor, sondern im laufenden Betrieb, mit echten Akten und echten Fristen.

Am Interesse fehlte es dabei nicht. Fast sechshundert Bewerbungen lagen vor, und zwar doppelt so viele von Anbietern wie von Ämtern. Wenn das Angebot doppelt so laut ruft wie die Nachfrage, liegt das Problem selten beim Angebot.

Wie es aussieht, wenn es klappt, zeigt der Neckar-Odenwald-Kreis. Dort hat der Landkreis den Bremer Anbieter lector.ai an die Auskunftsanfragen nach der Datenschutzgrundverordnung gesetzt. Die Software sichtet die eingehenden Unterlagen, stellt zusammen, was zur anfragenden Person gehört, und schlägt vor, welche Stellen zu schwärzen sind, damit die Rechte Dritter gewahrt bleiben. Entschieden hat weiterhin ein Mensch. Benjamin von Ardenne, der Gründer des Anbieters, sagt, in einzelnen Fällen habe man die Bearbeitungszeit von mehreren Arbeitstagen auf wenige Minuten gedrückt.

Und dann kommt der Haken, und er ist kein technischer. Von Ardenne formuliert ihn ausgesprochen freundlich: den Auskunftsagenten könne jede Kommune mit einer gepflegten elektronischen Akte direkt nutzen. Das ist der höflichste Satz, mit dem ein Anbieter einem Amt sagen kann, dass nicht die Software das Problem ist. Ein unübersichtliches Verfahren wird durch Automatisierung schneller, nicht besser. Die Technik nimmt einem das Aufräumen nicht ab. Sie belohnt nur die, die vorher aufgeräumt haben.

Wo aufgeräumt war, zahlt es sich messbar aus. Siebzig Prozent der im Pilot entwickelten Lösungen sind heute im operativen Einsatz, und die Hälfte davon lässt sich auf andere Kommunen übertragen. Die kleinen Häuser waren dabei nicht im Nachteil, sondern schneller: kurze Wege, wenig Abstimmung. Größe war also kein Vorteil… sie war ein Hindernis.

Achtundzwanzig Stunden. So viel Arbeitszeit hat der Pilot im besten Fall pro Vorgang gespart, die Bearbeitungszeiten fielen um über neunzig Prozent. Das sind gut drei Arbeitstage pro Fall, die vorher niemandem gefehlt haben… weil sie niemand gezählt hat.

Für Unternehmen ist das keine Nachricht aus dem Rathaus. Es ist eine über die eigenen Wartezeiten. Ein Betrieb, der auf Genehmigungen und Fristen wartet, merkt als Erster, wenn ein Amt seine Rückstände abbaut. Und für Anbieter, die an die öffentliche Hand verkaufen, beginnt am kommenden Montag die nächste Runde, die bis Ende November läuft.

Die eigentliche Hürde kommt danach. Ein gelungener Pilot ist noch keine Praxis, und genau daran ist die Verwaltungsdigitalisierung bisher zuverlässig gescheitert. Der Bund will deshalb Anfang zweitausendsiebenundzwanzig ein dynamisches Beschaffungssystem eröffnen, ein digitales Kaufhaus, in dem eine Kommune eine erprobte Lösung ohne eigenes Vergabeverfahren einkaufen kann. Das Kaufhaus ist also bestellt. Ob jemand hineingeht, entscheidet keine Software.

Die Verwaltung hat ein System, das sie ausbremst. Der Mittelstand hat keines. Er hat drei Fragen, die ihm niemand stellt außer ihm selbst. Ist die eigene Ablage so geordnet, dass eine Maschine damit arbeiten könnte? Sind die Leute im Haus neugierig auf das Werkzeug, oder erleichtert, wenn es liegen bleibt? Und die Führungsebene… treibt sie das voran, oder wartet sie ab?

Das war Ihr Morning Brief. Morgen früh sind wir wieder da.

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