Dreiunddreißig Großinsolvenzen in sechs Monaten. Und neun Komma neun Milliarden, die für eine Fabrik bereitlagen, die nie gebaut wurde.
Der Kreditversicherer Allianz Trade zählt die Insolvenzen von Unternehmen ab fünfzig Millionen Euro Jahresumsatz. Von Januar bis Juni 2026 waren es 33, zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Autobranche führt die Liste mit 7 Fällen an, vor dem Einzelhandel (5), dem Maschinenbau (4) und den Dienstleistern (4).
Milo Bogaerts von Allianz Trade beschreibt die Folge so: „Fällt ein Marktteilnehmer dieser Größenordnung aus, geraten oftmals auch Zulieferer, Dienstleister und andere Geschäftspartner unter Druck.“
Der Vorlauf
Die Zahlen sind keine Ausreißer. Nach der Auswertung von Falkensteg (Studie von Jonas Eckhardt, Januar 2026) haben im Jahr 2025 59 Automobilzulieferer mit mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz Insolvenz angemeldet. Die Beratung spricht von einer Welle, die sich 2025 weiter beschleunigt hat. Auch für 2026 erwartet die Branche keine Wende, sondern eine Verschärfung.
Der Gegenschnitt: Magdeburg
Für die geplante Chipfabrik von Intel in Magdeburg hatte der Bund 9,9 Milliarden Euro an öffentlichen Zuschüssen zugesagt, bei einer Gesamtinvestition von rund 30 Milliarden Euro. Es wäre die größte Einzelansiedlung der deutschen Nachkriegsgeschichte geworden. Ende 2024 wurde das Vorhaben eingefroren, 2025 endgültig abgesagt. Die Begründung kam aus dem Konzern selbst: zu früh zu viel investiert, ohne ausreichende Nachfrage.
Wichtig für die Einordnung
Das Geld ist nicht verloren, denn ausgezahlt wurde es nie. Gebunden waren die Jahre, in denen eine Fläche reserviert und eine Region auf eine einzige Karte gesetzt wurde.
Das rund 400 Hektar große Gelände, ehemalige Ackerfläche, hat inzwischen das Land Sachsen-Anhalt zurückgekauft. Die Stadt Magdeburg selbst konnte es nicht: für den Rückkauf hätte sie einen Kredit über 184 Millionen Euro gebraucht, den die Aufsichtsbehörden verweigert haben. Geplant ist ein High-Tech-Park von rund 1.100 Hektar; über Nachfolger wird verhandelt. Der Finanzminister des Landes rechnet mit Ansiedlungen erst in Jahren. Strom- und Wasserversorgung müssen erst noch gebaut werden, darunter eine Wasseraufbereitungsanlage an der Elbe für rund 180 Millionen Euro.
Was daraus für einen Betrieb in einer Lieferkette folgt
Die nützlichste Frage ist nicht, ob das eigene Haus gesund ist, sondern für wen es der Engpass ist. Wer ein Teil liefert, für das der Kunde keine zweite Quelle hat, sitzt in einem Markt sterbender Zulieferer am längeren Hebel. Daraus folgt ein Gespräch: längere Abnahmezusagen statt Jahresverhandlungen, eine Preisgleitklausel für Material und Energie, Werkzeugkosten, die nicht länger vorfinanziert werden.
Und in die andere Richtung drei Frühwarnzeichen beim wichtigsten Kunden: eine Zahlungsmoral, die sich langsam verschlechtert; Bestellungen, die kleiner und kurzfristiger werden; eine Warenkreditversicherung, die das Limit senkt. Das letzte Signal ist das ehrlichste, weil dort jemand mitrechnet, der Geld verliert, wenn er sich irrt.
Zum Weiterlesen
- Allianz Trade: Großinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 — die Zahlen und die Branchenverteilung im Original
- Falkensteg: Insolvenzen 2025 — die 59 Zulieferer, mit Methode und Schwelle
- Automobil Industrie: Zulieferer 2026 — warum die Branche keine Wende erwartet
- Table.Briefings: Endgültiges Aus für die Chipfabrik in Magdeburg
- Bauernzeitung: Was heute auf dem Intel-Gelände geplant ist