Morning Brief
Vorlaufzeiten

Vorlaufzeit, die einem nicht gehört

Genehmigung und Fachkraft: Warten, bevor der Auftrag da ist. Was das kostet, steht nirgends.

Erschienen am 6:10 Min.Folge 61

Donnerstag, 24. September 2026
Vorlaufzeit, die einem nicht gehört
0:006:10
Direkt hier abspielen oder in Ihrer Podcast-App hören: Spotify, Apple Podcasts, RTL+.

Worum es geht

In fast jedem Investitions- oder Auftragsvorhaben gibt es eine Position mit der längsten Vorlaufzeit. Sie gehört meistens nicht dem Unternehmen selbst, sondern einem Arbeitsmarkt, einer Behörde, einem Lieferanten. Diese Vorlaufzeit muss vorfinanziert werden, bevor der erste Euro Umsatz fließt. Wer das nicht stemmen kann, bietet erst gar nicht mit. Das ist der Mechanismus, der in keinem Entlastungsprogramm auftaucht.

Akt 1: Der Befund

Eine Fachkraftstelle in Deutschland steht im Schnitt rund 173 Tage offen. In Engpassberufen liegt die Vakanzzeit deutlich darüber: Im Bereich Sanitär, Heizung, Klima (SHK) beispielsweise bei über 240 Tagen. Dabei misst die Vakanzzeit nicht die Dauer der Stellenanzeige, sondern den Zeitraum ab dem gewünschten Besetzungstermin bis zur Abmeldung bei der Arbeitsvermittlung. Die eigentliche Suchzeit kommt obendrauf.

Akt 2: Der Mechanismus

Ein Praxisbeispiel aus Dresden: Die SUC Sächsische Umweltschutz-Consulting GmbH, gegründet 1990, spezialisiert auf chemische Behandlung von Säuren, Laugen und schwermetallhaltigen Lösungen sowie deren Rückführung in den Stoffkreislauf, befindet sich in der Ausschreibungsphase für einen Folgeauftrag eines großen internationalen Chipherstellers. Das Genehmigungsverfahren für die dafür nötige Anlage läuft bereits, obwohl der Zuschlag noch aussteht.

Gesetzliche Höchstfrist für ein förmliches Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG, § 10 Abs. 6a): sieben Monate, Verlängerung um drei Monate in begründeten Fällen möglich. In der Praxis liegt die Dauer nach Erfahrungswerten aus der Fachliteratur eher darüber. Eine Ausschreibungsfrist wartet so lange nicht.

Konsequenz: Wer mitbieten will, muss Genehmigungsgebühren, Gutachten, Planung, Fläche und Personal vorfinanzieren, bevor ein Auftrag existiert. Das sortiert nicht den leistungsfähigsten Anbieter heraus, sondern den finanziell besser ausgestatteten. Und weil ein Angebot, das nie abgegeben wurde, keine Spur hinterlässt, wird dieser Effekt nirgends gemessen.

Bürokratieabbau auf Bundesebene (z. B. das Programm für Aufschwung und Beschäftigung vom 1./2. Juli 2026 mit Berichtsentlastungsgesetz und Beweislastumkehr bei staatlichen Berichtspflichten) ändert an der Verfahrensdauer nichts. Berichtspflichten kann der Bund streichen; über die Dauer eines immissionsschutzrechtlichen Verfahrens entscheidet die zuständige Landesbehörde vor Ort.

Akt 3: Was im Betrieb zählt

Holger Vogel, Geschäftsführer der SUC Sächsische Umweltschutz-Consulting GmbH, benennt in seinem Wirtschaftsforum-Interview die negative Grundstimmung und die Bürokratielast, bleibt aber nicht dort stehen: Ein erheblicher Teil der Probleme sei hausgemacht, und daran lasse sich selbst etwas ändern. Sein Leitsatz: „Nicht meckern, sondern Lösungen finden."

Die operative Konsequenz: Die Position mit der längsten Vorlaufzeit gehört an den Anfang der Planung, mit eigener Frist, eigenem Budget und einer verantwortlichen Person. Zwei Fragen helfen dabei: Was kostet es, jetzt anzufangen, ohne den Auftrag zu haben? Und was kostet es, nicht anzufangen und deshalb nicht anbieten zu können? Meistens ist die zweite Zahl größer, nur steht sie nirgends.

Die Zahl des Tages

Sieben Monate: die gesetzliche Höchstfrist für ein förmliches BImSchG-Genehmigungsverfahren. Zuzüglich möglicher Verlängerung und der Vorlaufzeit bis zur vollständigen Antragseinreichung ergibt sich in der Praxis häufig ein deutlich längerer Zeitraum, der vorfinanziert werden muss. Exakte Behördendurchschnitte je Anlagenart: in den Shownotes nicht belegbar, daher im Script nicht behauptet.

Aus dem Netzwerk

Das vollständige Gespräch mit Holger Vogel, Geschäftsführer der SUC Sächsische Umweltschutz-Consulting GmbH (Dresden), ist auf Wirtschaftsforum erschienen. Vogel spricht dort über die Strategie des Unternehmens, laufende Investitionsvorhaben und seinen Blick auf Standort und Regulierung.

Zum Interview auf Wirtschaftsforum

Zahlen und Details

  • Vakanzzeit Fachkraftstellen Deutschland (Durchschnitt): rund 173 Tage (Bundesagentur für Arbeit, laufender Durchschnittswert)
  • Vakanzzeit SHK-Berufe (Klempnerei, Sanitär, Heizung, Klima): über 240 Tage (BA-Daten Feb. 2025 bis Jan. 2026: 295 Tage laut Statista/BA)
  • Messzeitpunkt Vakanzzeit: ab gewünschtem Besetzungsdatum, nicht ab Anzeigenschaltung (BA-Definition)
  • Förmliches BImSchG-Verfahren (§ 10 Abs. 6a): gesetzliche Höchstfrist 7 Monate, Verlängerung einmalig um 3 Monate möglich
  • SUC GmbH: gegründet 1990, rund 250 Beschäftigte, 9 Standorte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, 16 Behandlungsanlagen
  • Programm für Aufschwung und Beschäftigung (Koalitionsausschuss 1./2. Juli 2026): 34 Maßnahmen, darunter Berichtsentlastungsgesetz mit Beweislastumkehr bei staatlichen Berichtspflichten
TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Den Auftrag bekommen Sie erst, wenn Sie liefern können. Liefern können Sie erst, wenn Sie eingestellt, gebaut oder zertifiziert haben. Und das dauert länger… als der Kunde wartet.

Guten Morgen. Heute ist Donnerstag, der vierundzwanzigste September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

In fast jedem Vorhaben gibt es eine Position mit der längsten Vorlaufzeit. Und sie gehört meistens nicht uns. Eine Behörde, ein Arbeitsmarkt, ein Lieferant, ein Prüfinstitut.

Das deutlichste Beispiel kennt jeder Betrieb, unabhängig von der Branche. Es ist das Personal.

Eine Fachkraftstelle in Deutschland steht im Schnitt rund hundertdreiundsiebzig Tage offen. In den Engpassberufen deutlich länger.

Und diese Frist beginnt nicht mit der Anzeige. Gezählt wird ab dem Tag, an dem die Person eigentlich schon hätte anfangen sollen. Die Suche davor kommt obendrauf.

Damit steht der Mittelständler vor einer Wand, die er nicht selbst gebaut hat. Den Auftrag bekommt er nicht ohne die Leute… und die Leute rechtfertigt er nicht ohne den Auftrag.

Dasselbe gilt für die Zertifizierung, die ein Kunde sehen will, bevor er vergibt. Für die Maschine mit Lieferzeit. Für die Fläche. Immer dieselbe Form: die Vorlaufzeit gehört jemand anderem, der Termin aber dem Kunden.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt gerade ein Haus in Dresden. Die SUC gibt es seit gut dreißig Jahren, heute mit zweihundertfünfzig Beschäftigten. Chemisch behandelt werden dort Säuren, Laugen und schwermetallhaltige Lösungen, die anschließend in den Stoffkreislauf zurückgehen.

Zu ihren Kunden gehört die Mikroelektronik. In der Region plant ein großer internationaler Chiphersteller ein Werk. Die Abfälle daraus müssen irgendwohin, und zwar an jemanden, der sie behandeln darf. Die SUC ist deshalb in der Ausschreibung.

Ein Zuschlag steht noch aus… das Genehmigungsverfahren für die nötige Anlage läuft trotzdem schon.

Für ein förmliches Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz gibt sich der Staat sieben Monate Zeit, in begründeten Fällen darf er um drei Monate verlängern. In der Praxis liegt die Spanne eher darüber.

Eine Ausschreibung wartet so lange nicht.

Wer sich in so einer Lage entscheidet, trotzdem anzufangen, finanziert keine Anlage und keine Stelle. Er finanziert eine Möglichkeit… und zwar auf eigene Rechnung.

Planung, Gutachten, Gebühren, Gehalt, oft auch die Fläche. Alles ausgegeben, bevor der erste Euro Umsatz existiert, mit der realen Aussicht, es abschreiben zu müssen.

Das ist die Sorte Kosten, die in keinem Entlastungsprogramm vorkommt. In keiner Bilanzposition hat sie einen eigenen Namen. Und sie trifft genau die Unternehmen, die tatsächlich etwas vorhaben.

Daraus folgt etwas, das selten ausgesprochen wird. Wer die Vorfinanzierung stemmen kann, darf mitbieten. Alle anderen bieten nicht mit.

Das sortiert nicht den besseren Anbieter heraus… sondern den besser ausgestatteten. Und niemand misst es, weil ein Angebot, das nie abgegeben wurde, keine Spur hinterlässt.

Hier liegt übrigens auch die Antwort auf eine Frage, die viele Geschäftsführer umtreibt. Warum kommt vom Bürokratieabbau, über den in Berlin geredet wird, im Betrieb so wenig an?

Berichtspflichten kann der Bund streichen. Über die Dauer eines Verfahrens entscheidet er damit nicht. Die wird vor Ort bestimmt, von der Behörde, die den Antrag bearbeitet, und von der Zahl der Menschen, die dort dafür zuständig sind.

Holger Vogel, Geschäftsführer der SUC, benennt die Lage ohne Umschweife: „Natürlich ist die Grundstimmung in der Wirtschaft insgesamt gerade ziemlich negativ und auch die überbordende Bürokratie sowie die schwierigen regulatorischen Rahmenbedingungen tragen einen wichtigen Teil dazu bei."

Bemerkenswert ist, was er danach nicht macht. Er bleibt nicht dort stehen. Ein erheblicher Teil der Probleme, die Unternehmen haben, sei hausgemacht, und daran lasse sich selbst etwas ändern.

Sein Leitsatz steht in der Überschrift des Gesprächs und ist unbequemer, als er klingt: „Nicht meckern, sondern Lösungen finden."

Für die Praxis heißt das etwas sehr Konkretes. Die Position mit der längsten Vorlaufzeit gehört an den Anfang der Planung, nicht ans Ende. Mit eigener Frist, eigenem Budget und einer Person, die sie verantwortet, genauso wie eine Maschine mit Lieferzeit.

Dazu zwei Fragen, die selten gestellt werden, weil die Antworten unangenehm sind. Was kostet es uns, jetzt anzufangen, ohne den Auftrag zu haben? Und was kostet es uns, nicht anzufangen und deshalb nicht anbieten zu können?

Meistens ist die zweite Zahl größer… nur steht sie nirgends.

Das lässt sich an einem Vormittag klären. Woran hängen unsere Vorhaben, das wir nicht selbst beschleunigen können. Wie lange dauert es dort erfahrungsgemäß, nicht im Gesetz und nicht im Prospekt. Und ab wann müsste man anfangen, damit der Termin überhaupt erreichbar bleibt.

Und wer das rechnet, stellt oft fest… dass der Anfang schon vorbei ist.

Vogel selbst sagt über seinen Blick nach vorn einen Satz, der erklärt, warum er trotzdem beantragt: „Optimistisch. Ich bin im Osten geboren. Dort waren wir immer gezwungen, uns etwas einfallen zu lassen."

Das ist keine Beschwerde über den Standort. Es ist die Beschreibung einer Fähigkeit, die man sich dort aneignet, wo nichts von selbst kommt.

Das war Ihr Morning Brief. Morgen früh sind wir wieder da.

Jeden Morgen um sechs.

Abonnieren
Oder per E-Mail, jeden Werktag um sechs

Sie erhalten eine Bestätigungsmail. Erst nach Ihrem Klick beginnt der Versand. Abmeldung jederzeit mit einem Klick in jeder Ausgabe. Datenschutz

Kostenlos · Jederzeit mit einer Nachricht abbestellbar