Morning Brief
Fahrzeugbestand Verbrennungsmotor

Der letzte Anbieter gewinnt

Fahrzeugbestand als Marktchance, Rückzug der Wettbewerber, Konsequenz für die eigene Fertigung

Erschienen am 5:05 Min.Folge 63

Montag, 28. September 2026
Der letzte Anbieter gewinnt
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Darum geht es heute

Zum Jahresbeginn 2026 standen in Deutschland knapp 49,5 Millionen Personenwagen. Das Durchschnittsalter lag bei 10,9 Jahren, ein neuer Rekord. Rein elektrisch fahren 4,1 Prozent. Die große Mehrheit hat weiterhin einen Verbrennungsmotor. BBT Automotive Components GmbH aus dem mittelfränkischen Weihenzell zeigt, wie ein Mittelständler aus diesem Bestand ein wachsendes Geschäft macht, das die öffentliche Erzählung für abgewickelt hält.

Akt 1: Was der Fahrzeugbestand wirklich zeigt

Das Kraftfahrt-Bundesamt hat zum Stichtag 1. Januar 2026 exakt 49.486.487 zugelassene Personenwagen in Deutschland gezählt, ein Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Durchschnittsalter von 10,9 Jahren ist der höchste je gemessene Wert. Reine Elektrofahrzeuge (BEV) kommen auf 2.034.260 Fahrzeuge (4,1 Prozent, plus 23,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Benziner machen 59,3 Prozent des Bestands aus (29,34 Mio.), Diesel 27,0 Prozent (13,39 Mio.), Hybride 8,8 Prozent (4,36 Mio.). Die genauen Aufschlüsselungen stehen in den Shownotes.

Akt 2: Der Mechanismus hinter der Nische

Karl Heinz Beckers, Geschäftsführer der BBT Automotive Components GmbH (Gewerbering 12, 91629 Weihenzell), beschreibt im Interview mit Wirtschaftsforum, wie sein Unternehmen in den späten 2000er-Jahren das Wachstumspotenzial im Zündkabelgeschäft für ausgereizt hielt und seitdem wider Erwarten stark gewachsen ist. Der Mechanismus: Wenn eine Technik als auslaufend gilt, ziehen sich zuerst die Hersteller zurück, dann die großen Wettbewerber. Die Nachfrage verschwindet aber nicht im selben Tempo wie das Angebot. BBT beliefert heute auch den Klassiker-Markt mit Komponenten, die weder Hersteller noch andere Wettbewerber bereithalten. Teile der einfacheren Werkzeugproduktion wurden nach Asien verlagert, um im preissensitiven Ersatzteilmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben.

Akt 3: Was das für den eigenen Betrieb bedeutet

Die Kernfrage für jedes Unternehmen mit einem Produkt, das intern als auslaufend gilt: Wie hat sich der Auftragseingang in den letzten drei Jahren tatsächlich entwickelt, nicht gefühlt? Und wer außer dem eigenen Haus beliefert diesen Markt noch? Beckers hält die Zukunft der Mobilität für ambivalent und empfiehlt technologieoffenes Denken. „Denn in zehn Jahren werden wir wahrscheinlich andere Teile verkaufen als heute." Jede Erntestrategie hat ein Ablaufdatum, der Bestand dreht sich. Der Fehler liegt darin, dieses Datum für dasselbe zu halten, das in einer Pressemitteilung steht.

Pkw-Bestand nach Antrieb zum 1. Januar 2026 (für Infografik/Newsletter)

  • Benzin: 29,34 Mio. (59,3 %)
  • Diesel: 13,39 Mio. (27,0 %)
  • Hybrid: 4,36 Mio. (8,8 %) Hinweis: Hybride mitgezählt, wenn Gesamtquote „Verbrenner" genannt wird
  • Elektro (BEV): 2,03 Mio. (4,1 %, +23,2 % zum Vorjahr)

Fachmann dieser Folge

Karl Heinz Beckers, Geschäftsführer BBT Automotive Components GmbH, Weihenzell. Interview: Wirtschaftsforum.de, 1. September 2026

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Ende der Zweitausenderjahre kam ein bayerischer Mittelständler zu dem Schluss, dass sein Hauptgeschäft ausgereizt sei. Kein Wachstum mehr zu holen.

Seitdem ist genau dieses Geschäft stark gewachsen. Gegen jede Erwartung… auch seine eigene.

Guten Morgen. Heute ist Montag, der achtundzwanzigste September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Fangen wir mit einer Zahl an, die selten in der Debatte vorkommt. Zum Jahresbeginn standen in Deutschland knapp fünfzig Millionen Personenwagen.

Das Durchschnittsalter liegt bei zehn Komma neun Jahren. Das ist der höchste Wert, der je gemessen wurde.

Rein elektrisch fahren davon vier Komma eins Prozent.

Zählt man Benziner, Diesel und Hybride zusammen, hat die große Mehrheit aller Fahrzeuge auf deutschen Straßen weiterhin einen Verbrennungsmotor.

Das ist keine Aussage darüber, was richtig ist… es ist eine Aussage darüber, was da ist.

Und darin liegt ein Denkfehler, der viele Planungen prägt. Fast alle rechnen mit dem Fahrzeugbestand von morgen… das Geld verdient man am Bestand von heute.

Der schrumpft nämlich nicht. Er altert… und ein altes Auto wird häufiger repariert als ein neues, nicht seltener.

Die BBT Automotive Components im mittelfränkischen Weihenzell macht Zündkabelsätze, Zündspulen, Kerzenstecker, Sensoren. Also genau die Teile, die in der öffentlichen Erzählung längst abgewickelt sind.

Geschäftsführer Karl Heinz Beckers beschreibt die eigene Fehleinschätzung offen: „Im Zündkabelmarkt sind wir in den letzten Jahren, wider Erwarten, stark gewachsen."

Die Erklärung steckt nicht in der Nachfrage allein, sondern darin, wer gegangen ist.

Wenn eine Technik als auslaufend gilt, ziehen sich zuerst die Hersteller zurück, dann die großen Wettbewerber. Die Nachfrage verschwindet aber nicht im selben Tempo wie das Angebot.

Genau in diese Lücke ist das Unternehmen gegangen. Es fertigt heute Komponenten für klassische Fahrzeuge, „die weder die Hersteller noch andere Wettbewerber bereithalten."

Der letzte Anbieter eines schrumpfenden Marktes zu sein, ist kein Trostpreis… es ist eine Position.

Diese Position hat allerdings Bedingungen, und die sind der unangenehme Teil.

Man braucht die Werkzeuge, die Dokumentation und die Fähigkeit, kleine Serien wirtschaftlich zu fahren. Und man darf die Kostenstruktur der Wachstumsjahre nicht mitschleppen.

Wer eine Fertigung, die für große Lose gebaut wurde, unverändert in einen Nischenmarkt trägt, macht aus einer Chance einen langsamen Verlust.

Beckers beschreibt, wie sein Haus das gelöst hat, und der Satz ist präziser, als er klingt: „In diesem Zuge haben auch wir Teile unserer einfacheren Werkzeugproduktion nach Asien verlagert."

Verlagert wurde also nicht das Produkt, sondern der einfachste Teil seiner Herstellung. Der Grund ist das Segment: im Ersatzteilmarkt bestimmen chinesische Wettbewerber Preis und Qualitätserwartung.

Wer dort bleiben will, muss entscheiden, welcher Arbeitsschritt ihn auszeichnet und welcher nur Geld kostet. Das ist eine andere Frage als die, ob man verlagert.

Bemerkenswert ist, wie nüchtern Beckers mit der Zukunft umgeht. Er verteidigt den Verbrenner nicht, und er verabschiedet ihn auch nicht.

„Ich glaube, die Zukunft der Mobilität wird ambivalent sein, weshalb es umso wichtiger ist, sich dieser Frage technologieoffen zu nähern."

Und dazu der Satz, der die ganze Haltung zusammenfasst: „Denn in zehn Jahren werden wir wahrscheinlich andere Teile verkaufen als heute."

Das ist keine Ankündigung, am Alten festzuhalten. Es ist die Weigerung, sich auf ein Datum festzulegen, das jemand anderes gesetzt hat.

Für das eigene Haus lässt sich daraus eine Prüfung ableiten, die einen Vormittag kostet.

Welche Produktlinie haben wir intern längst abgeschrieben? Wie hat sich ihr Auftragseingang in den letzten drei Jahren wirklich entwickelt, nicht gefühlt? Und wer außer uns beliefert diesen Markt überhaupt noch?

Oft zeigt die Kurve etwas Unerwartetes. Der Rückgang hat vor Jahren aufgehört, und seitdem liegt die Linie flach. Und flach, bei einer Linie, die man abgeschrieben hat… ist eine gute Nachricht.

Ein ehrlicher Zusatz gehört dazu, sonst wird daraus die falsche Folgerung. Das ist kein Argument gegen die Transformation. Der Fahrzeugbestand dreht sich, und jede Erntestrategie hat ein Ablaufdatum.

Der Fehler ist nur, dieses Datum für dasselbe zu halten, das in einer Pressemitteilung steht.

Das war Ihr Morning Brief. Morgen früh sind wir wieder da.

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