Morning Brief
Stundenhonorar unter Druck

Was die Stunde noch wert ist

Wenn Software die Arbeit verkürzt, misst die Stunde nicht mehr, was sie kostet.

Erschienen am 4:35 Min.Folge 82

Freitag, 23. Oktober 2026
Was die Stunde noch wert ist
0:004:35
Direkt hier abspielen oder in Ihrer Podcast-App hören: Spotify, Apple Podcasts, RTL+.

Die Studie: Zeit gegen Geld verliert seine Grundlage

Der Kanzleiberater Thorsten Hesse (formatC consulting) hat im Frühjahr 2026 gut hundert Kanzleiinhaber befragt, nicht repräsentativ, aber aufschlussreich. 94 Prozent der befragten Kanzleien erwarten einen großen oder sehr großen Einfluss von KI auf die Finanzbuchhaltung. 62 Prozent rechnen damit, dass sich das Honorarmodell weg von der Zeitabrechnung hin zu wertbasierten Modellen entwickelt. Hesse formuliert das Kernproblem so: Wenn Prozesse, die früher Stunden dauerten, durch KI in Minuten erledigt werden, verliert das Prinzip Zeit gegen Geld seine Grundlage.

Das Dilemma der Anbieter

Dr. Sebastian Voigt (Partner und Co-CEO der hyConsulting Group) beschreibt das Dilemma in der Studie offen: Für viele Arbeitsschritte brauchte er früher eine Stunde, heute nur noch 15 Minuten. Nach einem Cost-plus-Gedanken dürfte er nur noch ein Viertel abrechnen und würde sich damit selbst kaputt machen. Joachim Adam, Vorstandssprecher der Pentadoc AG aus Würzburg, spricht im Interview mit Wirtschaftsforum (August 2026) über das eigene Unternehmen: „Auch wir müssen unser Geschäftsmodell komplett neu definieren, um unseren Mehrwert beim Kunden zu schärfen.“ Pentadoc entwickelt deshalb neue Preismodelle, die sich stärker am Ergebnis als an der abrechenbaren Zeit orientieren.

Wege zum Ergebnispreis und ein Einwand

Steuerberater Stefan Groß (Partner bei Peters, Schönberger & Partner) empfiehlt als Einstieg in ergebnisorientierte Preise den Weg über Meilensteinpreise: zuerst ein festes Angebot für einen ersten Abschnitt, etwa eine Bestandsaufnahme, danach ein dezidiertes Gesamtangebot. Daniel Reisinger, Chefredakteur Honorargestaltung für Steuerberater bei Haufe-Lexware, erwartet dagegen keinen grundlegenden Preisdruck: Mandanten, die gut beraten werden, zahlten auch einen angemessenen Preis.

Für den Mittelstand liegt die Frage auf beiden Seiten des Tisches: beim Einkauf von Stunden (Steuerberater, Agentur, IT-Dienstleister) ebenso wie beim Verkauf eigener Stunden (Ingenieurbüro, Planer, Handwerk mit Regiestunden). Ein fester Preis für ein Ergebnis setzt voraus, dass das Ergebnis vorher beschreibbar ist, und verlagert das Risiko längerer Arbeit auf den Anbieter.

Die Zahl des Tages

Rund sechs von zehn befragten Kanzleiinhabern (62 Prozent) erwarten laut der formatC-Studie, dass sich das Honorarmodell von der Zeitabrechnung weg und hin zu wertbasierten Modellen entwickelt. Bei der privaten Steuererklärung erwarten knapp drei von vier (73 Prozent) einen großen oder sehr großen Einfluss von KI.

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Eine Buchung, für die man früher eine Stunde gebraucht hat, ist mit der richtigen Software in einer Viertelstunde erledigt. Für die Kanzlei, die sie macht, ist das ein Fortschritt. Für ihre Rechnung… eher ein Problem.

Wer nach Stunden abrechnet, verdient an jeder gesparten Minute ein bisschen weniger. Bezahlt wird der Aufwand, nicht das Geschick.

Guten Morgen. Heute ist Freitag, der dreiundzwanzigste Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Zum Ende der Woche ein Gedanke, der mit jeder neuen Software dringlicher wird. Was kaufen wir eigentlich ein, wenn wir einen Berater, eine Agentur oder einen Dienstleister bezahlen? Seine Zeit? Oder… das, was am Ende dabei herauskommt?

Lange war das im Grunde dieselbe Frage. Die Stunde war ein brauchbares Maß für Arbeit, und mehr Arbeit hieß mehr Stunden. Künstliche Intelligenz löst diese Verbindung gerade auf, zuerst dort, wo viel Routine im Spiel ist.

Besonders deutlich zeigt sich das in den Steuerkanzleien. Der Kanzleiberater formatC hat im Frühjahr gut hundert Kanzleiinhaber befragt, nicht repräsentativ, aber aufschlussreich. Fast alle erwarten einen großen Einfluss der KI auf die Finanzbuchhaltung, und rund sechs von zehn rechnen damit, dass sich die Honorare von der Zeit weg und hin zum Wert der Leistung bewegen.

Ein Berater hat das Dilemma in der Studie sehr offen beschrieben. Für viele Arbeitsschritte habe er früher eine Stunde gebraucht, heute eine Viertelstunde. Rechne er weiter nach Aufwand ab, dürfe er nur noch ein Viertel verlangen… und mache sich damit selbst kaputt.

Dass die Frage weit über Kanzleien hinausreicht, zeigt Joachim Adam. Er ist Vorstandssprecher der Pentadoc AG aus Würzburg, einer Unternehmensberatung, die vor allem gesetzliche Krankenkassen bei der Digitalisierung begleitet. Seine Stimme zählt hier, weil er nicht über seine Kunden spricht, sondern über das eigene Geschäft. Im Gespräch mit Wirtschaftsforum hat er im August gesagt: „Auch wir müssen unser Geschäftsmodell komplett neu definieren, um unseren Mehrwert beim Kunden zu schärfen.“

Dazu gehören laut Adam neue Preismodelle, die sich stärker am Ergebnis orientieren sollen als an der abrechenbaren Zeit. Ein Berater, der andere Organisationen durch den Wandel begleitet, stellt also zuerst seine eigene Rechnung um.

Unsere Lesart ist, dass diese Frage bald auf beiden Seiten des Tisches liegt. Viele Mittelständler kaufen Stunden ein, beim Steuerberater, bei der Agentur, beim IT-Dienstleister. Und viele verkaufen selbst Stunden, als Ingenieurbüro, als Planer oder im Handwerk über Regiestunden.

Wer Stunden einkauft, bezahlt im ungünstigen Fall für Langsamkeit. Wer Stunden verkauft, bestraft sich womöglich… für den eigenen Fortschritt.

Ein fester Preis für ein Ergebnis klingt da wie die naheliegende Lösung. Ganz so einfach ist es nicht. Ein Ergebnis muss man vorher beschreiben können, und jemand muss das Risiko tragen, wenn die Arbeit länger dauert als gedacht.

Der Steuerberater Stefan Groß schlägt in der Studie deshalb einen Zwischenschritt vor. Zuerst gibt es einen festen Preis für einen ersten Abschnitt, etwa eine Bestandsaufnahme. Danach weiß der Berater genug, um ein belastbares Angebot für das Ganze abzugeben.

Es gibt auch Widerspruch. Ein Chefredakteur für Honorarfragen beim Fachverlag Haufe erwartet keinen größeren Preisdruck: Mandanten, die gut beraten werden, zahlten auch einen angemessenen Preis. Das ist ein berechtigter Einwand… er gilt allerdings vor allem dort, wo tatsächlich Beratung drinsteckt und nicht nur ein ausgefülltes Formular.

Für das eigene Unternehmen lohnt deshalb ein nüchterner Blick auf die Rechnungen, die hereinkommen und hinausgehen. Bei welchen Leistungen bezahlen Sie noch für Zeit, obwohl eigentlich ein Ergebnis gemeint ist? Und bei welchen eigenen Angeboten kostet Sie die schnellere Arbeit am Ende Umsatz?

Das heißt nicht, dass die Stunde verschwindet. Für offene Aufgaben, bei denen vorher niemand weiß, wie lange sie dauern, bleibt sie ein faires Maß. Für Routine, die eine Maschine in Minuten erledigt, wird sie zur bloßen Gewohnheit.

Ein Wochenende ist eine gute Gelegenheit, eine einzige Rechnung genauer anzusehen. Die Stunde war lange ein ehrliches Maß für Arbeit. Ob sie das noch ist… hängt davon ab, wer die Arbeit inzwischen macht.

Das war Ihr Morning Brief. Ein gutes Wochenende, und am Montag früh sind wir wieder da.

Jeden Morgen um sechs.

Abonnieren
Oder per E-Mail, jeden Werktag um sechs

Sie erhalten eine Bestätigungsmail. Erst nach Ihrem Klick beginnt der Versand. Abmeldung jederzeit mit einem Klick in jeder Ausgabe. Datenschutz

Kostenlos · Jederzeit mit einer Nachricht abbestellbar