Morning Brief
Vier-Tage-Woche

Vier Tage, neun Stunden, und für wen?

Ein freier Freitag macht eine Stelle attraktiver. Nur nicht für alle.

Erschienen am 4:26 Min.Folge 81

Donnerstag, 22. Oktober 2026
Vier Tage, neun Stunden, und für wen?
0:004:26
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Anlass: OPTIME-Projekt der Universität St. Gallen

Die Universität St. Gallen (HSG) koordiniert seit Oktober 2026 das EU-Forschungsprojekt OPTIME (Opportunities for Time in Employment, Environment and Equality). Projektleiterin ist Prof. Dr. Julia Backmann, Professorin für Leadership & Transformation of Work an der HSG. Das Projekt vergleicht verschiedene Modelle der Arbeitszeitverkürzung in zehn Ländern, unter anderem die Vier-Tage-Woche und kürzere Arbeitstage. Laufzeit: 1. Oktober 2026 bis 30. September 2029. EU-Beitrag (Horizon Europe, Fördervertrag 101289891): 3.365.173,80 Euro. Ausdrücklich in den Forschungsfragen genannt werden Frauen, pflegende Angehörige, ältere Beschäftigte, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderungen und neurodivergente Beschäftigte. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Backmann zur Vier-Tage-Woche: Sie sei ein Weg, die Arbeitszeit zu verkürzen, aber keine Lösung, die für alle passt.

Praxisbeispiel: ritter & bader GmbH, Weißenhorn

Das Familienunternehmen ritter & bader GmbH (Weißenhorn, Landkreis Neu-Ulm) baut Kühler für den Maschinenbau und hat laut eigenem Firmenmagazin (Ausgabe 2024) mehr als 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit dem 1. November 2022 gilt dort eine strukturierte Vier-Tage-Arbeitswoche: Gesamtarbeitszeit von 37,5 auf 36 Stunden reduziert, bei vollem Lohnausgleich. Das ergibt neun Stunden je Arbeitstag. Geschäftsführer sind Angela Ritter und Tobias Ritter.

Tobias Ritter, Technischer Geschäftsführer, im Wirtschaftsforum-Interview (veröffentlicht November 2023): „Wir haben vor einiger Zeit die Vier-Tage-Woche eingeführt. Seitdem bekommen wir mehr Bewerbungen.“ Und weiter: Da es kaum noch erfahrene Kräfte am Markt gebe, bilde das Unternehmen selbst aus.

Ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb im Firmenmagazin 2024: Er finde das Modell eine coole Sache; freitags komme er zu Terminen, die er sonst kaum geschafft hätte. Im selben Text räumte er ein, die Auftragslage sei damals so hoch gewesen, dass Überstunden notwendig waren.

Aktuelle Stellenanzeige (abgerufen 19. Oktober 2026): „Profitiere von einer 36-Stunden-Woche mit geregelten Arbeitszeiten. Zusätzlich bieten wir dir die Möglichkeit einer 4-Tage-Woche.“ Ob die Verteilung auf vier Tage für alle gilt oder wählbar ist, sagt die Anzeige nicht eindeutig.

Einordnung

36 Stunden an vier Tagen bedeuten neun Stunden je Tag. Für Beschäftigte, die täglich zu festen Zeiten verfügbar sein müssen (etwa wegen Kinderbetreuung oder Pflegeverantwortung), kann das die Annahme einer Stelle faktisch ausschließen, auch wenn der freie Freitag nominell attraktiv ist. Dasselbe Modell kann einen Betrieb für eine Gruppe sehr attraktiv und für eine andere schwer erreichbar machen. Das ist kein Fehler des Modells, sondern ein Hinweis auf die Frage, wen ein Betrieb sucht und ansprechen will.

Für Betriebe, in denen Kunden freitags anrufen, Anlagen durchlaufen oder die Belegschaft lieber täglich früher geht, können vier lange Tage strukturell nicht passen. Auch das ist ein valides Ergebnis.

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Bei ritter und bader in Weißenhorn, nicht weit von Ulm, gilt seit dem Herbst zweitausendzweiundzwanzig ein anderer Wochenrhythmus. Statt siebenunddreißigeinhalb Stunden an fünf Tagen arbeitet man dort sechsunddreißig Stunden an vier. Bei vollem Lohn.

Im Firmenmagazin erzählt ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb, er finde das eine coole Sache. Freitags komme er jetzt zu Terminen, die er sonst kaum geschafft hätte.

Im selben Text sagt er allerdings auch, die Auftragslage sei so hoch, dass Überstunden notwendig sind… Beides kann gleichzeitig stimmen.

Guten Morgen. Heute ist Donnerstag, der zweiundzwanzigste Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Heute geht es um eine Frage, die viele Betriebe beschäftigt, weil sie Leute suchen. Ist ein freier Tag ein Argument, mit dem man Fachkräfte gewinnt? Und wenn ja, für wen genau?

Anlass ist eine Ankündigung vom Montag. Die Universität Sankt Gallen leitet ein neues europäisches Forschungsprojekt namens OPTIME, das verschiedene Modelle kürzerer Arbeitszeit vergleichen soll. Die Europäische Union fördert es mit knapp dreieinhalb Millionen Euro, es läuft drei Jahre.

Ergebnisse gibt es noch keine… interessant ist die Fragestellung. Die Forschenden wollen nicht nur wissen, welches Modell funktioniert, sondern wo, unter welchen Bedingungen und für wen. Ausdrücklich genannt werden Frauen, pflegende Angehörige und ältere Beschäftigte.

Die Projektleiterin Julia Backmann sagt es so: Die Vier-Tage-Woche sei ein Weg, die Arbeitszeit zu verkürzen, aber keine Lösung, die für alle passt.

Zurück nach Weißenhorn. Tobias Ritter ist einer der beiden Geschäftsführer des Familienunternehmens, das mit mehr als vierzig Beschäftigten Kühler für den Maschinenbau baut. Seine Stimme zählt hier, weil er die Umstellung mitverantwortet und den Mangel an Fachkräften aus erster Hand kennt. Im Gespräch mit Wirtschaftsforum hat er vor knapp drei Jahren gesagt: „Wir haben vor einiger Zeit die Vier-Tage-Woche eingeführt. Seitdem bekommen wir mehr Bewerbungen.“

Das ist ein starkes Argument. Ein Betrieb, der kaum noch erfahrene Kräfte am Markt findet, kann mit einem freien Freitag auffallen.

Nur hat die Rechnung eine zweite Seite. Sechsunddreißig Stunden an vier Tagen sind neun Stunden am Tag, dazu kommen Pausen und Arbeitsweg. Wer jeden Nachmittag um drei ein Kind abholen oder einen Angehörigen versorgen muss, dem hilft der freie Freitag wenig… ihm fehlt die Zeit an den anderen vier Tagen.

Unsere Lesart ist deshalb, dass ein Arbeitszeitmodell nicht nur Stunden verteilt. Es entscheidet auch mit darüber, wer eine Stelle überhaupt annehmen kann. Dasselbe Angebot macht einen Arbeitsplatz für die einen attraktiver und für andere unerreichbar.

Das ist kein Widerspruch und auch kein Vorwurf an die Vier-Tage-Woche. Es sind schlicht unterschiedliche Bedingungen für Menschen mit unterschiedlichem Alltag. Die Frage ist, wen der eigene Betrieb gerade sucht.

Wer eine erfahrene Facharbeiterin mit zwei Schulkindern gewinnen will, wirbt mit dem freien Freitag womöglich… an ihr vorbei.

Aufschlussreich ist, wie ritter und bader das heute in seinen Stellenanzeigen beschreibt. Dort ist von einer Sechsunddreißig-Stunden-Woche mit geregelten Arbeitszeiten die Rede. Und zusätzlich von der Möglichkeit einer Vier-Tage-Woche.

Das kleine Wort Möglichkeit verschiebt einiges. Die kürzere Woche gilt für alle, die Verteilung auf vier Tage wird angeboten. Ob das so gedacht ist, sagen die Anzeigen nicht… es lässt aber beiden Gruppen eine Tür offen.

Und dann bleibt die Arbeit selbst. Der Mitarbeiter aus dem Vertrieb hat es offen gesagt: Die Menge an Arbeit sei damals schwer zu bündeln gewesen. Ein Tag weniger verkürzt die Woche, die Aufträge verkürzt er nicht.

Für manche Betriebe wird sich zeigen, dass vier lange Tage nicht passen. Weil Kunden am Freitag anrufen, weil Anlagen durchlaufen müssen oder weil die Belegschaft lieber jeden Tag früher gehen möchte. Auch das… ist ein brauchbares Ergebnis.

Wenn wir Ihnen heute einen Gedanken mitgeben dürfen, dann diesen. Bevor Sie über den Namen eines Modells sprechen, fragen Sie, zu wessen Alltag es passen soll. Ein Arbeitszeitmodell beschreibt nicht nur, wann gearbeitet wird. Es entscheidet auch, wer bei Ihnen arbeiten kann.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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