Anlass: OPTIME-Projekt der Universität St. Gallen
Die Universität St. Gallen (HSG) koordiniert seit Oktober 2026 das EU-Forschungsprojekt OPTIME (Opportunities for Time in Employment, Environment and Equality). Projektleiterin ist Prof. Dr. Julia Backmann, Professorin für Leadership & Transformation of Work an der HSG. Das Projekt vergleicht verschiedene Modelle der Arbeitszeitverkürzung in zehn Ländern, unter anderem die Vier-Tage-Woche und kürzere Arbeitstage. Laufzeit: 1. Oktober 2026 bis 30. September 2029. EU-Beitrag (Horizon Europe, Fördervertrag 101289891): 3.365.173,80 Euro. Ausdrücklich in den Forschungsfragen genannt werden Frauen, pflegende Angehörige, ältere Beschäftigte, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderungen und neurodivergente Beschäftigte. Ergebnisse liegen noch nicht vor.
Backmann zur Vier-Tage-Woche: Sie sei ein Weg, die Arbeitszeit zu verkürzen, aber keine Lösung, die für alle passt.
Praxisbeispiel: ritter & bader GmbH, Weißenhorn
Das Familienunternehmen ritter & bader GmbH (Weißenhorn, Landkreis Neu-Ulm) baut Kühler für den Maschinenbau und hat laut eigenem Firmenmagazin (Ausgabe 2024) mehr als 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit dem 1. November 2022 gilt dort eine strukturierte Vier-Tage-Arbeitswoche: Gesamtarbeitszeit von 37,5 auf 36 Stunden reduziert, bei vollem Lohnausgleich. Das ergibt neun Stunden je Arbeitstag. Geschäftsführer sind Angela Ritter und Tobias Ritter.
Tobias Ritter, Technischer Geschäftsführer, im Wirtschaftsforum-Interview (veröffentlicht November 2023): „Wir haben vor einiger Zeit die Vier-Tage-Woche eingeführt. Seitdem bekommen wir mehr Bewerbungen.“ Und weiter: Da es kaum noch erfahrene Kräfte am Markt gebe, bilde das Unternehmen selbst aus.
Ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb im Firmenmagazin 2024: Er finde das Modell eine coole Sache; freitags komme er zu Terminen, die er sonst kaum geschafft hätte. Im selben Text räumte er ein, die Auftragslage sei damals so hoch gewesen, dass Überstunden notwendig waren.
Aktuelle Stellenanzeige (abgerufen 19. Oktober 2026): „Profitiere von einer 36-Stunden-Woche mit geregelten Arbeitszeiten. Zusätzlich bieten wir dir die Möglichkeit einer 4-Tage-Woche.“ Ob die Verteilung auf vier Tage für alle gilt oder wählbar ist, sagt die Anzeige nicht eindeutig.
Einordnung
36 Stunden an vier Tagen bedeuten neun Stunden je Tag. Für Beschäftigte, die täglich zu festen Zeiten verfügbar sein müssen (etwa wegen Kinderbetreuung oder Pflegeverantwortung), kann das die Annahme einer Stelle faktisch ausschließen, auch wenn der freie Freitag nominell attraktiv ist. Dasselbe Modell kann einen Betrieb für eine Gruppe sehr attraktiv und für eine andere schwer erreichbar machen. Das ist kein Fehler des Modells, sondern ein Hinweis auf die Frage, wen ein Betrieb sucht und ansprechen will.
Für Betriebe, in denen Kunden freitags anrufen, Anlagen durchlaufen oder die Belegschaft lieber täglich früher geht, können vier lange Tage strukturell nicht passen. Auch das ist ein valides Ergebnis.