Morning Brief
Ausbildungsmarkt Regionen

Freie Stellen haben eine Adresse

Angebot und Nachfrage liegen auf dem Ausbildungsmarkt rechnerisch nah beieinander, aber nicht immer am selben Ort.

Erschienen am 4:22 Min.Folge 85

Donnerstag, 29. Oktober 2026
Freie Stellen haben eine Adresse
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Das regionale Bild: Lübeck im August 2026

Im Agenturbezirk Lübeck, der die Hansestadt und den Kreis Ostholstein umfasst, waren im August 2026 noch 646 Ausbildungsstellen unbesetzt; 592 junge Menschen suchten noch eine Lehrstelle. Die Gesamtsumme geht rechnerisch fast auf, aber die Verteilung ist sehr ungleich. In der Hansestadt Lübeck suchten 415 Jugendliche, offen waren dort nur 283 Stellen. Im Kreis Ostholstein lagen 363 freie Stellen einem Bedarf von 177 Suchenden gegenüber. Seit Oktober 2025 wurden im Bezirk insgesamt 2.676 Stellen angeboten; 2.223 Bewerberinnen und Bewerber waren gemeldet. Im Vorjahreszeitraum kamen rechnerisch 1,8 offene Stellen auf eine unversorgte Bewerberin oder einen unversorgten Bewerber, im August 2026 waren es noch 1,1.

Das bundesweite Bild: August 2026

Bundesweit waren im August 2026 noch 116.000 betriebliche Ausbildungsstellen unbesetzt (minus 17.000 gegenüber dem Vorjahr). Als unversorgt galten 102.000 Bewerberinnen und Bewerber (plus 4.000). Auf 100 gemeldete Ausbildungsstellen kamen rechnerisch 97 gemeldete Ausbildungsuchende; im Vorjahreszeitraum waren es 90. Die Bundesagentur beschreibt den Marktausgleich als weiterhin schwierig, weil regionale, berufsfachliche und qualifikatorische Disparitäten bestehen bleiben.

Nicht in der Statistik sichtbar sind laut Bundesagentur: das Image von Berufen und Betrieben, Arbeitszeiten, Vergütung und die Erreichbarkeit der Ausbildungsstätte oder der Berufsschule mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Da alle Meldungen freiwillig sind, liegt die geschätzte Meldequote bei rund 61 Prozent der Ausbildungsuchenden und 75 Prozent der Ausbildungsstellen. Im Berichtsjahr 2025/26 kommt hinzu: Die gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen sind um schätzungsweise bis zu 7.500 überzeichnet, weil Angebote eines großen Einzelhändlers fehlerhafte Übermittlungsdaten enthielten.

Räumliche Nähe in der Ausbildung: BIBB-Studie, April 2026

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat Deutschland in 52 räumlich zusammenhängende Ausbildungsmarktregionen gegliedert, gebildet aus den Wohn- und Ausbildungsortangaben dualer Auszubildender. Bei 92,1 Prozent der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegen Wohnort und Ausbildungsstätte in derselben Ausbildungsmarktregion. Die Regionen sind auf hohe Eigenversorgung zugeschnitten; das Muster zeigt dennoch, wie begrenzt der Suchradius in der Praxis ist. Die Studie stammt von Michael Dörsam und Robyn Schmidt (BIBB Report 1/2026).

Einzugsbereich kennen: was Betriebe prüfen können

Woher kamen bisherige Auszubildende, wie lang sind ihre Wege in den Betrieb und zur Berufsschule? In welchen Nachbarorten suchen gerade junge Menschen eine Lehrstelle? Ein anderer Arbeitsbeginn oder eine organisierte Fahrt kann den erreichbaren Bewerberkreis vergrößern, ohne dass sich an Beruf oder Anforderungen etwas ändert. Beruf, Noten und Wünsche müssen trotzdem zusammenpassen.

Was morgen erscheint

Die Jahresbilanz des Berufsberatungsjahres 2025/2026 wird am 30. Oktober 2026 gemeinsam mit den Arbeitsmarktdaten für den Berichtsmonat Oktober veröffentlicht. Die genaue Uhrzeit: vormittags. Die Ergebnisse waren zum Sendedatum noch nicht bekannt; keine Zahlen aus der Bilanz sind in dieser Folge enthalten.

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Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Im August zählte die Arbeitsagentur in Lübeck sechshundertsechsundvierzig Ausbildungsstellen, die noch frei waren, und fünfhundertzweiundneunzig junge Menschen, die noch eine Lehrstelle suchten. Zwei Zahlen, die nah beieinander liegen. Man könnte meinen… der Rest sei eine Frage von ein paar Telefonaten.

Dann schaut man auf die Landkarte.

Guten Morgen. Heute ist Donnerstag, der neunundzwanzigste Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Morgen legt die Bundesagentur für Arbeit die Bilanz des Ausbildungsjahres vor, das Ende September zu Ende gegangen ist. Bevor die neuen Zahlen kommen, lohnt sich ein Blick darauf, wie man sie lesen sollte. Die letzten Werte aus dem August zeigen nämlich ein seltsames Bild… bundesweit hundertsechzehntausend unbesetzte Ausbildungsstellen in Betrieben, und zugleich hundertzweitausend Bewerberinnen und Bewerber ohne Platz und ohne Alternative.

Unsere Lesart ist, dass diese beiden Zahlen weniger von einem Mangel erzählen als von einer Entfernung. Rechnerisch liegen Angebot und Nachfrage so nah beieinander wie lange nicht. Die Bundesagentur schreibt selbst, dass der Ausgleich trotzdem schwierig bleibt, weil Region, Beruf und Qualifikation oft nicht zueinander passen.

Zurück nach Lübeck. Schauen wir auf die Stadt selbst. Zum Bezirk der dortigen Agentur gehören die Hansestadt und der Kreis Ostholstein. In der Stadt suchten im August vierhundertfünfzehn junge Menschen eine Lehrstelle, offen waren dort aber nur zweihundertdreiundachtzig.

Im Kreis Ostholstein, gleich nebenan, lag es umgekehrt. Dort waren dreihundertdreiundsechzig Stellen frei, und nur hundertsiebenundsiebzig Jugendliche suchten noch. Die Summe für den ganzen Bezirk geht also fast auf… nur verteilt sie sich sehr ungleich. Ein Betrieb in Eutin oder Neustadt hat damit ein anderes Problem als einer in der Lübecker Innenstadt.

Diese Zahlen zeigen allerdings nicht den gesamten Ausbildungsmarkt. Die Statistik der Bundesagentur erfasst nur, wer sich bei ihr meldet, und viele Jugendliche suchen inzwischen auf anderen Wegen. Bei den Stellen gibt es in diesem Jahr außerdem eine Überzeichnung, weil es Probleme bei der Übermittlung der Angebote eines großen Händlers gab. Das sind keine Fußnoten, die man überlesen sollte.

Wie kurz die Wege in der Ausbildung meistens sind, zeigt eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung aus dem Frühjahr. Die Forscher haben Deutschland in zweiundfünfzig Ausbildungsmarktregionen eingeteilt, danach, wo Auszubildende wohnen und wo sie lernen. Bei gut neun von zehn neuen Verträgen liegen Wohnort und Ausbildungsstätte in derselben Region. Das hängt auch damit zusammen, wie die Regionen geschnitten sind, aber das Muster ist deutlich.

Die Bundesagentur nennt in ihrem Bericht auch Faktoren, die in diesen Zahlen nicht sichtbar werden: das Ansehen eines Berufs, die Arbeitszeiten, die Vergütung, und häufig schlicht die Frage, ob ein Betrieb mit Bus und Bahn erreichbar ist und wie weit es zur Berufsschule ist. Für einen Sechzehnjährigen ohne Führerschein kann die Erreichbarkeit… den Ausschlag geben.

Für den Mittelstand heißt das: Bevor man sagt, es gebe keine Bewerber mehr, lohnt es sich, den eigenen Markt neu zu vermessen. Woher kamen die Auszubildenden der letzten Jahre, und wie lange brauchen sie morgens in den Betrieb und zur Berufsschule? In welchem Nachbarort suchen gerade junge Menschen, die man mit einem anderen Arbeitsbeginn oder einer organisierten Fahrt erreichen könnte?

Eine Garantie ist das nicht. Eine freie Stelle in einem Hotel an der Küste passt nicht automatisch zu einem Jugendlichen in der Stadt, der Elektroniker werden will. Beruf, Noten und Wünsche müssen ebenfalls zusammenkommen. Wer seinen Einzugsbereich kennt, sucht aber wenigstens dort, wo die jungen Menschen tatsächlich wohnen.

Wenn morgen Vormittag die neue Bilanz erscheint, wird es wieder Schlagzeilen über leere Lehrstellen und erfolglose Bewerber geben. Vor jeder dieser Schlagzeilen lohnt die Frage, für welches Gebiet die Zahl gilt und wen sie überhaupt erfasst.

Eine freie Lehrstelle hat immer einen Beruf und eine Adresse. Erst wenn man beides mitdenkt… erzählen die Zahlen etwas über den eigenen Betrieb.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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