Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.
Neun Minuten. So lange soll es dauern, bis eines der neuen Elektroautos von BYD fast vollgeladen ist.
Um dieses Versprechen zu halten, reichte eine bessere Batterie allerdings nicht. Der chinesische Hersteller musste sich um etwas kümmern, das auf den ersten Blick gar nichts mit Autos zu tun hat… um das Stromnetz.
Denn eine Batterie, die in neun Minuten lädt, nützt wenig, wenn die Säule davor nicht genug Leistung liefert.
Guten Morgen. Heute ist Freitag, der dreißigste Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.
Freitags erzählen wir im Founder Playbook von der Entscheidung eines Gründers. Heute geht es um Wang Chuanfu, der BYD vom Akku aus zu einem der großen Autokonzerne gemacht hat. Uns interessiert vor allem, warum er entschieden hat, dass ein Autohersteller sich auch um das kümmern muss, was außerhalb des Autos geschieht.
Im Frühsommer stand auf dem Parkplatz einer Bergbahn in Oberjoch, im Allgäu, eine Ladesäule, wie es sie in Deutschland bis dahin nicht gab. Daneben standen große Batteriespeicher, die den Strom für die enorme Ladeleistung lieferten.
Es sah aus wie ein Blick in die Zukunft. Dann stellte ein Sprecher von BYD klar: Die Anlage war nur vorübergehend da… für eine Veranstaltung.
Hinter dieser Vorführung steckt trotzdem eine industrielle Strategie, deren Anfänge gut dreißig Jahre zurückliegen.
Wang kommt nicht aus dem Autobau. Er studiert metallurgische physikalische Chemie, arbeitet an einem Pekinger Forschungsinstitut für Nichteisenmetalle und wird dort stellvertretender Direktor. Neunzehnhundertfünfundneunzig gründet er in Shenzhen BYD, und das Unternehmen stellt zunächst nur wiederaufladbare Batterien her.
Zu den ersten großen Kunden gehören nach Darstellung des Unternehmens Motorola und Nokia. Zweitausenddrei steigt BYD ins Autogeschäft ein.
Der Weg führt also vom Akku zum Auto. Unsere Lesart ist, dass Wang bei der Technik beginnt, die er am besten kennt, und dann einen Markt sucht, in dem sie den Unterschied machen kann.
Heute bezeichnet sich BYD als weltweit führenden Hersteller von Autos mit elektrischem Antrieb. Interessanter als diese Größe ist aber der Weg, der dorthin geführt hat.
Im März dieses Jahres stellt BYD in China eine neue Batteriegeneration vor und dazu ein selbst entwickeltes System zum ultraschnellen Laden. Wang nennt dabei offen zwei Hindernisse, die viele Kunden noch vom Elektroauto abhalten: die langen Ladezeiten und die schwache Ladeleistung bei Kälte.
Seine Antwort bleibt allerdings nicht beim Produkt stehen. Auch die beste Batterie bleibt ungenutzt, wenn die Infrastruktur sie nicht tragen kann.
Hier liegt die eigentlich interessante Entscheidung. BYD baut die Ladestationen, die die eigene Technik braucht, selbst. In China waren es im März nach Unternehmensangaben gut viertausend, bis Ende des Jahres sollen es zwanzigtausend werden.
Dann zeigt sich ein zweites Hindernis. Nicht jedes Stromnetz kann so viel Leistung auf einmal liefern. BYD stellt deshalb Batteriespeicher neben die Säulen. Sie laden langsam aus dem Netz und geben die Energie schnell ab… sobald ein Auto kommt.
Damit versucht BYD mehr, als ein Auto zu bauen, das schneller lädt. Das Unternehmen schafft die Bedingungen, unter denen dieses Versprechen überhaupt eingelöst werden kann.
Unsere Lesart ist, dass genau darin der Unterschied liegt. Eine technische Neuerung wird nicht von selbst zum geschäftlichen Vorteil. Das wird sie erst, wenn der Kunde sie im Alltag wirklich nutzen kann.
Und was geschieht, wenn das Hindernis außerhalb des Produkts liegt, das man verkauft?
Mitte Oktober hat BYD in Paris das erste Modell der Hauptmarke vorgestellt, das diese Technik nach Europa bringt. Es soll im ersten Quartal des kommenden Jahres zu den Händlern kommen. Dazu kündigt der Konzern dreitausend solcher Ladestationen in Europa an, bis Ende zweitausendsiebenundzwanzig.
Zwischen einer Vorführung und einem Netz, das ganz Europa abdecken soll, liegt allerdings ein weiter Weg. Es braucht Grundstücke, Genehmigungen, Netzanschlüsse, Kapital und vor allem Autofahrer, die diese Stationen auch nutzen.
Im Juni war in Fachmedien für dieses Ziel übrigens noch ein kürzerer Zeitraum genannt worden.
Kommerziell ist das Vorhaben deshalb alles andere als sicher. Ob sich die Stationen rechnen, was der Strom dort kosten wird und wie schnell sie gebaut werden… weiß heute niemand. Bis vor kurzem konnte in Europa außerdem nur ein einziges Modell die volle Leistung nutzen, ein Kombi der Premiummarke Denza ab hundertfünfzehntausend Euro.
Das ist die Grenze dieser Geschichte, und man sollte sie nicht übersehen. Unter Wang hat BYD ein Hindernis erkannt und beschlossen, es selbst anzugehen. Ob sich die Investition auszahlt, ist offen.
Was folgt daraus für ein mittelständisches Unternehmen? Sicher nicht, dass jeder Betrieb seine eigene Infrastruktur bauen sollte. Kaum ein Unternehmen kann so viel investieren wie ein Konzern dieser Größe, und das Modell nachzubauen wäre in den meisten Fällen unrealistisch.
Die Frage, die man in den eigenen Betrieb mitnehmen kann, ist eine andere. Was hindert unsere Kunden daran, den Wert, den wir versprechen, auch wirklich zu bekommen? Liegt es am Einbau, am Service, an der Schulung, an der Verbindung mit anderen Systemen? Oder an einer Leistung, für die sich heute schlicht niemand zuständig fühlt?
Nach allem, was wir in den Betrieben hören, liegt die Grenze des Wachstums oft in dem, was vor oder nach dem Einsatz eines Produkts geschehen muss. Wer dieses Hindernis anderen überlässt, verschenkt unter Umständen einen großen Teil dessen, was die eigene Neuerung wert ist.
Die Lösung heißt nicht zwangsläufig, alles selbst zu übernehmen. Es kann eine Partnerschaft sein oder ein anderer Weg, wie das Produkt beim Kunden ankommt. Alles selbst zu bauen ist nur eine Möglichkeit, und oft die teuerste.
Die Entscheidung von Wang Chuanfu hinterlässt deshalb eine sehr konkrete Frage. Verbessern wir ständig unser Produkt… oder räumen wir auch aus dem Weg, was Kunden daran hindert, es zu nutzen?
Manchmal entsteht der nächste Vorsprung aus einem Problem, das man immer für die Aufgabe von jemand anderem gehalten hat.
Das war Ihr Morning Brief, heute mit dem Founder Playbook. Ein gutes Wochenende, und am Montag früh sind wir wieder da.