Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.
Die Auftragsbücher werden voller. Die Kreditlinien werden enger. Und wer beides gleichzeitig hat, merkt gerade, dass das eine das andere nicht bezahlt.
Zwischen dem, was ein Betrieb verkaufen könnte, und dem, was seine Bank ihm zutraut, liegt in diesem Sommer ein Rekord.
Das ist Ihr Freitag.
Guten Morgen. Heute ist Freitag, der achtundzwanzigste August zweitausendsechsundzwanzig… und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet… in unter sechs Minuten.
Die KfW und das ifo-Institut fragen jedes Quartal, wie Unternehmen das Verhalten ihrer Banken erleben. Im zweiten Quartal berichteten vierzig Komma fünf Prozent der kreditinteressierten Mittelständler von restriktivem Verhalten. Das ist der höchste Wert, seit die Erhebung im Jahr zweitausendsiebzehn begonnen hat. Und der Sprung kam schnell… sechs Komma fünf Punkte in einem einzigen Quartal.
Restriktiv heißt dabei selten ein klares Nein. Es heißt mehr Sicherheiten, mehr Unterlagen, längere Entscheidungswege und am Ende ein Rahmen, der kleiner ausfällt als der beantragte. Ein Nein kann man weitertragen. Eine Verzögerung bindet die Investition, ohne sie abzulehnen.
Der Grund liegt nicht in der Laune der Bankberater. Er liegt in der Richtung, in die eine Bank schaut. Ein Rating rechnet mit dem, was war… mit dem Jahresabschluss, mit der Umsatzentwicklung, mit der Insolvenzstatistik der Branche. Dazu kommt der Preis des Geldes. Die Europäische Zentralbank hat im Juni erstmals seit zweitausenddreiundzwanzig wieder erhöht. Wird Geld teurer, schrumpft die Spanne, aus der eine Bank ihr Risiko bezahlt. Nicht böse also… sondern rechnerisch.
Und jetzt kommt der Widerspruch. Denn die Zahlen des Betriebs zeigen nicht nach unten, sondern nach oben. Das ifo-Geschäftsklima ist am Dienstag gestiegen, die Unsicherheit nimmt ab, und die Erwartungen für das nächste halbe Jahr springen deutlich an. Was in keinem Rating steht, ist das Auftragsbuch. Und genau das ist in diesem Sommer gut neun Prozent dicker als vor einem Jahr. Bei den Investitionsgütern reicht der Bestand rechnerisch für mehr als zwölf Monate. Die Nachfrage ist da. Sie kommt nur an der Finanzierung nicht vorbei.
Für den Betrieb heißt das, dass die Hausbank aufgehört hat, die Standardantwort zu sein. Förderkredite mit Haftungsfreistellung nehmen der Bank genau das Risiko ab, an dem sie sich gerade verschluckt. Leasing, Asset-Based Lending und Lieferkettenfinanzierung hängen am Gegenstand oder an der Forderung, nicht an der Bilanz. Keines dieser Instrumente ist neu. Neu ist, dass sie nicht mehr die zweite Wahl sind.
Und dann ist da der Zeitpunkt. Eine Finanzierung, die aus einem akuten Bedarf entsteht, wird aus einer Position der Schwäche verhandelt. Eine, die vorher steht, aus einer Position der Ruhe. In diesem Markt liegt zwischen beidem ein Aufschlag in Prozentpunkten. Bei einer Maschine mit dreiviertel Jahr Lieferzeit fällt die Finanzierungsentscheidung ohnehin lange vor dem Tag der Lieferung.
Verteilt ist die Last dabei ungleich. Am härtesten trifft es den Einzelhandel. Dort sieht sich in beiden Größenklassen mehr als die Hälfte der Unternehmen mit Restriktionen konfrontiert, ein neuer Höchstwert, angetrieben von einer Konsumflaute, unter der die Branche ohnehin leidet. Und noch etwas fällt auf. Es sind nicht nur die Banken, die zögern. Auch die Unternehmen fragen weniger Kredit nach als zuvor, so wenig wie seit Ende zweitausenddreiundzwanzig nicht mehr. Wer unsicher ist, überbrückt keinen Engpass mit fremdem Geld. Er wartet. Beide Seiten des Tisches sind im selben Moment vorsichtig geworden.
Die Zahl des Tages… zweiunddreißig Komma neun Prozent. So viele der befragten Großunternehmen berichten ebenfalls von restriktivem Bankverhalten, der zweithöchste Wert seit Beginn der Erhebung. Das ist die eigentliche Nachricht in dieser Statistik. Es ist kein Mittelstandsproblem… es ist ein Kreditproblem. Der Mittelstand spürt es nur zuerst, weil er keine Anleihe begeben kann.
Die Bank hat nicht unrecht. Vorsicht ist ihr Geschäft, und im Moment ist Vorsicht vernünftig. Der Unterschied liegt woanders. Wer mit dem Jahresabschluss ins Gespräch geht, argumentiert mit einer Vergangenheit, über die man sich einig ist. Wer das Auftragsbuch mitbringt, argumentiert mit einer Zukunft, über die man verhandeln kann. Es ist derselbe Betrieb. Nur eine andere Geschichte.
Das war der Morning Brief. Alle Quellen und Details in den Shownotes. Am Montag früh um sechs sind wir wieder da. Der Morning Brief von Wirtschaftsforum… Unter sechs Minuten. Auf Stand.