Morning Brief
Gasspeicher

Halb voll, doppelt teuer

Rekordtiefer Speicherstand | Ausfall auf Jahre | Was Betriebe jetzt prüfen

Erschienen am 4:15 Min.Folge 47

Freitag, 4. September 2026
Halb voll, doppelt teuer
0:004:15
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Rekordtiefer Speicherstand: Was die Zahlen bedeuten

Der Füllstand der deutschen Gasspeicher liegt Anfang September 2026 bei rund 50 Prozent, dem tiefsten Wert zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Der Branchenverband INES (Interessenverband Europäischer Unternehmen der Strom- und Gasspeicherung) nennt es einen historischen Tiefstand. Zum Vergleich: Am 17. August 2025 lagen die Speicher bei 66,85 Prozent.

Das Einspeichertempo der vergangenen vier Wochen lag bei 0,16 Prozentpunkten pro Tag. Für das gesetzliche Ziel von 80 Prozent zum 1. November 2026 wäre eine Verdopplung des Tempos nötig. Die Gasspeicherfüllstandsverordnung sieht für sechs benannte Anlagen (Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt, Uelsen) abweichend nur 45 Prozent vor, sodass das rechnerische Gesamtziel bei rund 70 Prozent liegt.

Modellrechnung des INES-Verbands: Bei normalem oder mildem Winter reichen 76 Prozent aus. Bei einem Extremwinter wie 2010 drohen Fehlmengen von bis zu 9 Terawattstunden pro Monat im Februar und März 2027, an einzelnen Tagen bis zu 2 Terawattstunden. Die genauen Zahlen finden sich in den Shownotes.

Ras Laffan und die Hormus-Blockade: Der strukturelle Bruch

Die Straße von Hormus ist seit Ende Februar 2026 praktisch für den kommerziellen Schiffsverkehr geschlossen. Durch sie läuft normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge brach Anfang März 2026 nahezu vollständig ein; der Umweg um Afrika kostet rund 37 zusätzliche Tage pro Frachtschiff.

Bei den Raketenangriffen auf Ras Laffan Industrial City am 18. und 19. März 2026 wurden die katarischen Verflüssigungsstraßen Train 4 und Train 6 mit zusammen 12,8 Millionen Tonnen Jahreskapazität getroffen. Die Ausfuhrkapazität für Flüssigerdgas sank um rund 17 Prozent; QatarEnergy beziffert den entgangenen Jahresumsatz auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Die Instandsetzung kann bis zu fünf Jahre dauern. QatarEnergy hat für mehrere Langzeitverträge Force Majeure erklärt; betroffen sind Abnehmer in Südkorea, China, Italien und Belgien.

Der europäische Börsengaspreis (TTF) stieg seit Beginn der Eskalation im Frühjahr 2026 um mehr als 60 Prozent und erreichte zeitweise über 70 Euro je Megawattstunde; am 2. September 2026 kletterte der TTF-Kontrakt auf 74,43 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Kriegsbeginn.

Was das für den Betrieb bedeutet

Auslaufende Gas- und Stromverträge sollten jetzt verhandelt werden, nicht erst im Oktober. Lieferunterbrechungsklauseln im Energieliefervertrag prüfen. Den eigenen Verbrauch in Kilowattstunden kennen, weil jede Absicherung eine Basismenge braucht.

Der Merit-Order-Mechanismus an der Strombörse bedeutet: Das teuerste noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle. In den Abend- und Nachtstunden sind das typischerweise Gaskraftwerke. Ein hoher Gaspreis schlägt deshalb auch auf die Stromrechnung von Betrieben durch, die selbst kein Gas verwenden.

Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Erkenntnisstand als gering ein. Norwegen liefert weiter, Flüssiggas kommt über andere Häfen, ein milder Winter würde die Lage entspannen. Versorgungssicherheit und Preisniveau sind zwei verschiedene Fragen, die beide gleichzeitig wahr sein können.

Für die Fachabteilung

Gasspeicherfüllstandsverordnung: 80 Prozent je Anlage zum 1. November 2026 (Regelfall); für Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen abweichend 45 Prozent. Zum 1. Februar 2027: 30 Prozent je Anlage (Regelfall); für die vier bayerischen Speicher Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg 40 Prozent. Rechtsgrundlage: § 1 Gasspeicherfüllstandsverordnung. Quelle: Bundesnetzagentur, Stand 2. September 2026.

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Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Deutschlands Gasspeicher sind Anfang September halb voll. Das ist kein Wetterproblem, das ist eine Einkaufsfrage.

Guten Morgen. Heute ist Freitag, der vierte September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet… in unter sechs Minuten.

Der Füllstand liegt bei etwa fünfzig Prozent. Das ist der tiefste Wert zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen, und der Branchenverband der Speicherbetreiber nennt es genau so: einen historischen Tiefstand. Ein Verband, der von historisch spricht, meint meistens etwas.

Das Gesetz verlangt achtzig Prozent zum ersten November. Nur gilt das nicht für jeden Speicher gleich… für einige ist die Vorgabe niedriger, sodass der Bestand insgesamt etwa siebzig Prozent erreichen muss. Um dorthin zu kommen, müsste sich das Einspeichertempo verdoppeln. In acht Wochen.

Und hier kommt die Zahl, die das Bild dreht. Derselbe Verband rechnet vor, dass bei normalem oder mildem Winter sechsundsiebzig Prozent ausreichen würden. Die Lücke ist also nicht die zu einem vollen Speicher, sondern gut zwanzig Punkte. Groß genug, um teuer zu werden… klein genug, um kein Katastrophenszenario zu sein.

Für einen kalten Winter nach dem Muster von zweitausendzehn rechnet derselbe Verband allerdings mit Fehlmengen von bis zu neun Terawattstunden im Monat, und zwar im Februar und im März. Das ist die Spanne, in der sich diese Geschichte entscheidet, und sie hängt am Thermometer.

Der Grund liegt nicht in Deutschland, sondern auf einer Wasserstraße. Die Straße von Hormus ist seit Ende Februar praktisch geschlossen. Durch sie läuft normalerweise etwa ein Fünftel des weltweiten Handels mit Flüssigerdgas.

Das allein wäre ein Logistikproblem, also etwas, das sich mit Zeit und Umwegen löst. Die eigentliche Nachricht ist eine andere. Bei den Angriffen auf die Anlage in Ras Laffan im März ist ein Teil der katarischen Ausfuhrkapazität für Flüssigerdgas ausgefallen, und zwar nicht für Wochen: rund siebzehn Prozent, und die Instandsetzung kann bis zu fünf Jahre dauern. Ein Schiff kann man umleiten… eine zerstörte Anlage nicht.

Damit verschiebt sich die Frage vom Winter auf das Jahrzehnt. Wer im Herbst über Energie verhandelt, verhandelt nicht über eine Delle, sondern über ein neues Preisniveau… und wer glaubt, dass er günstiger einkauft, wenn er wartet, wettet gegen eine Anlage, die noch Jahre nicht produziert.

Auf die Stromrechnung schlägt das auch bei Betrieben durch, die keinen einzigen Gasbrenner besitzen. An der Strombörse bestimmt das teuerste noch gebrauchte Kraftwerk den Preis für alle. Springt abends ein Gaskraftwerk ein, gilt dessen Gaspreis für den Strom aus Wind und Sonne gleich mit. Das ist kein Konstruktionsfehler… das ist die Konstruktion.

Woraus sich eine kurze Liste ergibt, die vor dem ersten Kälteeinbruch abgearbeitet sein sollte. Auslaufende Gas- und Stromverträge jetzt verhandeln, nicht im Oktober. Beim Versorger nachsehen, was im Vertrag über Lieferunterbrechungen steht, denn diese Klauseln liest man üblicherweise erst, wenn sie greifen. Und den eigenen Verbrauch kennen, weil jede Absicherung eine Menge braucht, auf die sie sich bezieht.

Die Bundesnetzagentur hält die Gefahr einer angespannten Versorgung derzeit für gering, und sie hat gute Gründe dafür: Norwegen liefert weiter, Flüssiggas kommt über andere Häfen, ein milder Winter wäre ein Puffer von selbst. Beides ist wahr. Die Versorgung ist wahrscheinlich sicher, und der Preis ist wahrscheinlich hoch.

Siebzehn Prozent. Das ist der Anteil der katarischen Ausfuhrkapazität für Flüssigerdgas, der für Jahre fehlt, und es ist die Zahl, die diesen Herbst von den vorherigen unterscheidet. Ein Speicherstand ändert sich mit dem Wetter. Eine Anlage, die nicht steht, ändert sich mit der Bauzeit.

Das war Ihr Morning Brief. Am Montag früh sind wir wieder da.

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