Morning Brief
Produktionsverlagerung

Früher war ein Werk im Ausland ein Sieg. Heute ist es ein Ausweg.

Verlagerungsdruck im Mittelstand: KfW-Befund, Insolvenzkulisse, Standortrechnung

Erschienen am 6:37 Min.Folge 50

Mittwoch, 9. September 2026
Früher war ein Werk im Ausland ein Sieg. Heute ist es ein Ausweg.
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Thema dieser Ausgabe

Der KfW-Internationalisierungsbericht 2026 zeigt: Acht Prozent der auslandsaktiven Industriebetriebe haben in den vergangenen fünf Jahren Teile ihrer Produktion verlagert. Neunundzwanzig Prozent planen es für die kommenden fünf. KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher nennt das ein Warnzeichen und ergänzt: Selbst wenn nur die Hälfte dieser Pläne Realität wird, übertrifft das alles bisher Dagewesene. Dahinter stecke, dass der Standort an Attraktivität verloren habe.

Hinweis zum Erhebungsdatum: Die Befragung fand im Januar 2026 statt, also vor dem Krieg im Iran und vor der Schließung der Straße von Hormus. Die 29-Prozent-Zahl bildet die Stimmung von Anfang 2026 ab, nicht den heutigen Stand.

Akt 1: Was passiert ist (KfW-Internationalisierungsbericht 2026)

Grundlage: Befragung von rund 1.700 mittelständischen Unternehmen, davon rund 600 im Ausland aktiv, Sonderbefragung 12. bis 21. Januar 2026.

  • 8 Prozent der auslandsaktiven Industriebetriebe haben in den vergangenen 5 Jahren Teile ihrer Fertigung verlagert.
  • 29 Prozent planen entsprechende Schritte für die kommenden 5 Jahre.
  • Seit 2022 stagnieren die Auslandsumsätze des Mittelstands; inflationsbereinigt sanken sie 2024 um 2,9 Prozent.
  • 2024 waren rund 819.000 der knapp 3,9 Millionen deutschen Mittelständler im Ausland aktiv (ca. 21 Prozent); im Verarbeitenden Gewerbe liegt der Anteil deutlich höher (rund 46 Prozent).
  • 30 Prozent der Auslandsaktiven rechnen mit sinkenden Auslandsumsätzen in den kommenden Jahren.
  • 19 Prozent aller auslandsaktiven Mittelständler, in der Industrie 24 Prozent, wollen den Export stärker auf den EU-Binnenmarkt ausrichten.

Zitat Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW (Welt am Sonntag, 5. September 2026): „Wenn auch nur die Hälfte dieser Unternehmen ihre Pläne realisiert, würden wir zukünftig eine deutlich stärkere Verlagerung sehen als in der Vergangenheit. Dies ist ganz klar ein Warnzeichen." Dahinter stecke, dass der Standort an Attraktivität verloren habe.

Akt 2: Wie es wirklich funktioniert (Chinesischer Wettbewerb und Standortkosten)

Der Mittelstand richtet sich nicht nach Asien aus, sondern nach Europa zurück. Der Treiber ist nicht Expansion, sondern Risikominimierung. China taucht in der Standortrechnung nicht mehr als Ziel, sondern als Wettbewerbsdruck auf: Der Maschinenbau, der letzte Exporthort deutscher Industriestärke, bekommt aus China Konkurrenz zum halben Preis bei steigender Qualität. Wer heute in Richtung EU-Binnenmarkt dreht, sortiert ein Portfolio neu, in dem der Heimatstandort die teuerste Position geworden ist.

Kostentreiber laut KfW Research: Bürokratie (65 Prozent der international tätigen Mittelständler sehen sie als hohes Risiko, 2023 waren es 48 Prozent), Energiepreise, Lieferengpässe, geopolitische Unsicherheit.

Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet (Insolvenzkulisse und Handlungsrahmen)

Creditreform, 1. Halbjahr 2026:

  • 12.900 Unternehmensinsolvenzen, plus 7,8 Prozent zum Vorjahr, höchster Stand seit 2013.
  • Dienstleistungssektor: plus 12,6 Prozent (knapp 7.900 Fälle, 61,2 Prozent aller Insolvenzen).
  • Unternehmen bis zwei Jahre am Markt: plus 25,3 Prozent.
  • Betriebe über 250 Beschäftigte: plus 28,6 Prozent, überdurchschnittlich stark.
  • 81,0 Prozent aller Fälle: Firmen mit weniger als 10 Beschäftigten.
  • Rund 38.800 Verbraucherinsolvenzen.
  • Schadenssumme für Gläubiger: rund 28,5 Milliarden Euro.
  • Rund 165.000 betroffene Arbeitsplätze (1. Halbjahr 2025: 143.000).

Treiber laut Creditreform: Folgen mehrjähriger Rezession, Nahostkonflikt, Energiepreisschock, Nachfrageschwäche.

Zur Standortrechnung: Die KfW-Befragung stammt aus dem Januar 2026, also vor dem Krieg im Iran und vor der Schließung der Straße von Hormus (seit Ende Februar 2026 praktisch geschlossen; beim Angriff auf Ras Laffan im März fiel rund ein Sechstel der katarischen Flüssigerdgas-Exportkapazität aus, Instandsetzung bis zu fünf Jahre). Wer heute über Verlagerung rechnet, rechnet mit einem Energiepreisniveau, das strukturell ist, nicht konjunkturell.

Die vier Fragen, die die Standortrechnung ehrlich machen: Welcher Anteil der Herstellkosten ist Energie? Welche Fertigungsschritte sind ortsgebunden, weil Kunde, Zertifikat oder Know-how sie binden? Welche sind es nur aus Gewohnheit? Und was kostet ein Jahr Warten, gerechnet in Deckungsbeitrag?

Zur Lieferantenprüfung: Die Insolvenzwelle trifft nach unten und nach oben gleichzeitig. 81 Prozent der Fälle sind Firmen unter zehn Beschäftigten, aber der stärkste Zuwachs liegt bei über 250 Beschäftigten. Die Größe eines Partners ist kein Sicherheitsmerkmal mehr.

Hintergrundzahlen (genaue Werte aus der KfW-Studie)

  • Auslandsumsätze Mittelstand 2024: 699 Milliarden Euro (Seitwärtsbewegung zum Vorjahr; inflationsbereinigt minus 2,9 Prozent).
  • Anteil auslandsaktiver Mittelständler insgesamt: rund 21 Prozent (819.000 von 3,9 Millionen).
  • Anteil auslandsaktiver Mittelständler im Verarbeitenden Gewerbe: rund 46 Prozent.
  • US-Exportanteil des Mittelstands: von 8,5 auf 5,8 Prozent gesunken (innerhalb eines Jahres); jeder zweite Mittelständler mit transatlantischen Beziehungen berichtet von negativen Folgen der US-Handelspolitik.
  • 19 Prozent aller Mittelständler spüren wachsenden Wettbewerbsdruck durch chinesische Unternehmen.
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Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Früher war ein Werk im Ausland ein Sieg. Heute ist es ein Ausweg.

Guten Morgen. Heute ist Mittwoch, der neunte September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet… in unter sechs Minuten.

Es gab eine Zeit, da hieß „ins Ausland gehen" etwas Eindeutiges. Es hieß erobern. Ein Werk in Shanghai, ein Vertrieb in Chicago, das war kein Rückzug, das war ein Aufstieg. Der Mittelstand ist mit dieser Grammatik groß geworden. Wer expandierte, wuchs. Heute stehen dieselben Worte für das Gegenteil.

Die KfW hat gerade ihren Internationalisierungsbericht vorgelegt, und die Zahl, die hängen bleibt, ist unscheinbar. Acht Prozent der auslandsaktiven Industriebetriebe haben in den vergangenen fünf Jahren Teile ihrer Produktion verlagert. Neunundzwanzig Prozent planen es für die kommenden fünf.

Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, nennt das ein Warnzeichen. Und dann sagt er einen Satz, der beim ersten Hören leicht durchgeht: „Wenn auch nur die Hälfte dieser Unternehmen ihre Pläne realisiert, würden wir zukünftig eine deutlich stärkere Verlagerung sehen als in der Vergangenheit."

Übersetzt heißt das: die Hälfte ist kein Abschlag, sie ist die Untergrenze. Selbst wenn nur jeder zweite dieser Pläne Wirklichkeit wird, verlässt mehr Produktion dieses Land, als es bisher erlebt hat.

Und dahinter stecke, fügt Schumacher an, genau eines… der Standort habe an Attraktivität verloren.

Interessant ist dabei nicht, dass diese Betriebe gehen. Interessant ist, wohin. Denn es ist nicht die alte Geschichte vom Sprung nach Asien. Seit zweitausendzweiundzwanzig stagnieren die Auslandsumsätze des Mittelstands, und das bisschen Wachstum, das bleibt, kommt aus einer einzigen Richtung: Europa. Fast ein Viertel der Industrie will seinen Export stärker auf den EU-Binnenmarkt lenken. Die Weltkarte, auf der deutsche Familienunternehmen einst ganze Kontinente markiert haben, schrumpft gerade auf einen Erdteil zusammen. Internationalisierung, die nach innen zeigt.

Man kann das als Bescheidenheit lesen. Man kann es auch als das lesen, was es ist, eine Neubewertung des Risikos. China taucht in dieser Rechnung längst nicht mehr als Ziel auf, sondern als Druck. Der letzte Hort deutscher Industriestärke, der Maschinenbau, bekommt aus Peking Konkurrenz zum halben Preis. Der Preis war dabei immer ein Argument… neu ist, dass die Qualität mitkommt.

Ein Betrieb, der heute nach Europa zurückrückt, flieht deshalb selten vor Deutschland allein. Er sortiert ein Portfolio neu, in dem der Heimatstandort plötzlich die teuerste Position ist.

Und die Kulisse dazu ist rau. Im ersten Halbjahr sind die Unternehmensinsolvenzen um sieben Komma acht Prozent gestiegen, auf den höchsten Stand seit zweitausenddreizehn.

Man sollte hier ehrlich bleiben. Diese Welle trägt nicht den Namen Verlagerung, sie trägt den Namen Energiepreisschock und Nachfrageschwäche, und sie trifft vor allem Dienstleister und junge Firmen. Auffällig ist etwas anderes: es sind nicht die Kleinen allein, die es erwischt, am stärksten legen die Betriebe über zweihundertfünfzig Beschäftigte zu. Und das ist die unangenehmere Nachricht, denn ein Haus dieser Größe fällt nicht wegen eines schlechten Quartals um. Wenn es umfällt, stand die Ursache lange im Raum.

Zwei Krisen also, die sich nicht verursachen, aber dieselbe Diagnose stellen. Der deutsche Standort hat seinen Spielraum für Fehler verloren.

Nun ist eine Diagnose kein Urteil. Zwischen den beiden lauten Lagern, denen, die aus Treue bleiben, und denen, die aus Panik gehen, liegt ein drittes, das leiser arbeitet. Es liest die Verlagerungspläne nicht als Abschied, sondern als Rechnung, die die meisten noch vor sich herschieben.

Und diese Rechnung hat ein Detail, das sie schärfer macht: befragt wurde im Januar. Also vor dem Krieg im Iran und vor der Straße von Hormus. Die neunundzwanzig Prozent sind die Stimmung von vorgestern, zu Energiepreisen von vorgestern. Das ist kein Trost… das ist ein Zeitfenster, und es schließt sich.

Wer Europa nicht als Trostpreis behandelt, sondern als den Wachstumsmarkt, zu dem es still geworden ist, verhandelt seine Lieferketten aus einer anderen Position. Und den Standort nicht als Schicksal zu nehmen, sondern als Gestaltungsfrage, heißt aufhören, auf die Politik zu warten. Energie, Automatisierung, und die nüchterne Sortierung, welcher Teil der Wertschöpfung wirklich im Inland bleiben muss und welcher nie dort hingehörte. Das ist die Arbeit, die die Gewinner der nächsten fünf Jahre gerade in aller Stille erledigen, während andere noch überlegen, ob sie überhaupt anfangen.

Am Ende ist die Verlagerung kein Verrat. Sie ist ein Befund. Ein Unternehmen, das seine Produktion neu verteilt, unterschreibt keine Absage an Deutschland, es unterschreibt eine ehrliche Bilanz.

Und was wirklich zählt, steht nicht auf der Landkarte, es steht darunter. Nicht wohin diese Firmen gehen, sagt etwas über sie aus… sondern was ihr Weggehen über den Ort verrät, von dem sie starten.

Wer diesen Ort wieder zu einem macht, für den sich das Bleiben rechnet, gewinnt zweimal. Einmal die Firma. Und einmal ein Stück von dem, was den Mittelstand überhaupt zum Mittelstand gemacht hat.

Das war Ihr Morning Brief. Morgen früh sind wir wieder da.

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