Morning Brief
KI im Betrieb

KI im Betrieb: wenn der Einsatz wächst, die Ergebnisse aber nicht

Verdoppelter Einsatz, ausbleibende Ergebnisse, betriebliche Voraussetzungen

Erschienen am 5:40 Min.Folge 53

Montag, 14. September 2026
KI im Betrieb: wenn der Einsatz wächst, die Ergebnisse aber nicht
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Vier von zehn Betrieben arbeiten mit KI. Neunzehn von zwanzig können nicht sagen, was es gebracht hat.

Zwei Erhebungen, die sich zu widersprechen scheinen und es nicht tun. Der Digitalverband Bitkom hat zu Jahresbeginn 604 Unternehmen ab zwanzig Beschäftigten befragt: 41 Prozent setzen künstliche Intelligenz ein, im Jahr davor waren es 17. Ein Forschungsprojekt am MIT hat mehr als dreihundert öffentlich angekündigte KI-Vorhaben ausgewertet und bei rund 95 Prozent der Unternehmen keinen messbaren Ertrag in der Gewinn- und Verlustrechnung gefunden. Der Einsatz wächst also schneller als der Nachweis.

Die Folge fragt, woran das liegt, und holt sich die Antwort bei zwei Fachleuten, die von entgegengesetzten Seiten des Tisches dasselbe sagen.

Die Zahlen im Einzelnen

Aus der Bitkom-Erhebung (repräsentativ, telefonisch, Kalenderwoche 2 bis 6 des Jahres 2026): 41 Prozent im Einsatz, weitere 48 Prozent in Planung oder Diskussion — zusammen fast neun von zehn Unternehmen. 77 Prozent der Anwender sehen ihre Wettbewerbsposition verbessert. Einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg berichten allerdings nur 52 Prozent. 33 Prozent sagen, KI sei teurer geworden als gedacht, 19 Prozent haben Stellen abgebaut.

Aus der MIT-Auswertung (NANDA, „The GenAI Divide: State of AI in Business“, Erhebung Januar bis Juni 2025): mehr als 300 angekündigte Vorhaben, 52 strukturierte Interviews, 153 befragte Führungskräfte. Die Ursache des ausbleibenden Ertrags ist demnach kein Modellversagen, sondern ein learning gap: generische Werkzeuge lernen die Abläufe eines Hauses nicht und passen sich ihnen nicht an. Ein Befund, der in der Folge keinen Platz hatte: externe Partnerschaften skalieren laut derselben Auswertung etwa doppelt so häufig erfolgreich wie reine Eigenentwicklungen.

Gregor Draute

, Geschäftsführer der Krankikom GmbH in Duisburg, einer Digitalagentur und Softwarehaus, das seit den Neunzigerjahren digitale Systeme entwickelt und anschließend auch betreibt: „Eine Anwendung, die läuft, ist nicht automatisch eine Anwendung, die hält.“ Seine drei Fragen vor jedem Rollout: Sind die Kundendaten sauber getrennt? Wurde das Backup jemals wiederhergestellt? Trägt die Architektur, wenn der unternehmensweite Rollout kommt? Und seine Umkehrung dessen, was im Mittelstand gerade als Bürde gilt: „Gewachsene Prozesse, tiefes Branchenwissen, jahrelange Kundenbeziehungen: das ist der Rohstoff, aus dem KI-Anwendungen entstehen, die wirklich funktionieren.“
Das vollständige Gespräch: KI-Tools einsetzen ist einfach. Sie in eine gewachsene Unternehmensstruktur zu integrieren ist eine andere Disziplin.

Roland Becker

, Gründer und Geschäftsführer von JUST ADD AI in Bremen, im Gespräch mit Wirtschaftsforum. Er hat das Unternehmen 2017 gegründet, lange vor dem Boom der großen Sprachmodelle; neun Ausgründungen sind daraus hervorgegangen. Sein Vergleich: Intelligenz komme jetzt aus der Steckdose wie Strom. Und der Satz, der jede Kaufentscheidung dreht: „Jede Plattform, die man heute einrichtet, wird schon in zwei Jahren hoffnungslos veraltet sein, und trotzdem muss man jetzt handeln.“ Daraus folgt für ihn: weniger darauf schauen, was eine Plattform heute kann, mehr darauf, ob der Anbieter in der Vergangenheit mit dem Tempo Schritt gehalten hat. Dazu zwei Räte aus einem Haus, das früh mit Gesundheits- und Finanzdaten gearbeitet hat: sich nicht einem einzigen Anbieter ausliefern, und wissen, welche Daten außereuropäische Systeme zu sehen bekommen.

Was rechtlich gilt, und seit wann

Seit dem 2. August 2026 greifen die Transparenzpflichten nach Artikel 50 der europäischen KI-Verordnung. Wer ein System betreibt, mit dem Menschen direkt interagieren, oder Inhalte veröffentlicht, die eine KI erzeugt hat, muss das kenntlich machen — unabhängig davon, wann das System eingerichtet wurde. Der Chatbot, den die Marketingabteilung vor einem Jahr in zwei Wochen aufgesetzt hat, fällt darunter.

Die Fristen für Hochrisiko-Systeme sind dagegen nach hinten gerückt, und zwar auf zwei Termine, nicht auf einen: eigenständige Hochrisiko-Systeme nach Anhang III gelten ab dem 2. Dezember 2027 statt ab dem 2. August 2026, in regulierte Produkte eingebettete Systeme nach Anhang I ab dem 2. August 2028. Rechtsgrundlage ist die Digital-Omnibus-Verordnung (EU) 2026/1744, im Amtsblatt am 24. Juli 2026, in Kraft seit dem 27. Juli 2026. Artikel 50 ist davon nicht berührt.

Zum Weiterlesen

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

In deutschen Unternehmen hat sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Die Zahl der belegbaren Ergebnisse nicht.

Guten Morgen. Heute ist Montag, der vierzehnte September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet… in unter sechs Minuten.

Die Zahl zuerst, weil sie überrascht. Vier von zehn Betrieben mit mindestens zwanzig Beschäftigten arbeiten inzwischen mit künstlicher Intelligenz. Vor einem Jahr war es nicht einmal jeder Fünfte. Erhoben hat das der Digitalverband Bitkom zu Jahresbeginn, und die Anwender sind zufrieden: die große Mehrheit sieht die eigene Wettbewerbsposition verbessert.

Daneben steht eine zweite Untersuchung, und sie liest sich zunächst wie ein Widerspruch. Ein Forschungsprojekt am MIT hat mehr als dreihundert öffentlich angekündigte KI-Vorhaben ausgewertet. Bei etwa neunzehn von zwanzig Unternehmen war kein messbarer Ertrag in der Gewinn- und Verlustrechnung zu finden.

Beides kann stimmen. Eine verbesserte Wettbewerbsposition ist ein Gefühl… ein Ertrag ist eine Zahl.

Interessanter als der Widerspruch ist die Begründung. Es liege selten an der Qualität der Modelle, schreiben die Forscher. Generische Werkzeuge machen den einzelnen Mitarbeiter schneller, aber sie lernen die Abläufe eines Hauses nicht und passen sich ihnen nicht an.

Womit die Frage nicht mehr lautet, welches Werkzeug man kauft. Sie lautet, was im eigenen Haus wahr sein muss, damit ein Werkzeug überhaupt greift… und wen man in zwei Jahren noch an der Seite hat.

Zwei Fachleute, die genau das aus der Praxis kennen, haben mit Wirtschaftsforum gesprochen. Bemerkenswert ist, dass sie dieselbe Antwort geben, von zwei verschiedenen Seiten des Tisches.

Gregor Draute führt die Krankikom in Duisburg, ein Haus, das seit dreißig Jahren digitale Systeme baut und danach auch betreibt. Er fasst die Zahl aus Boston in einen Satz: „Eine Anwendung, die läuft, ist nicht automatisch eine Anwendung, die hält."

Dazu stellt er die Fragen, die vor jedem Rollout beantwortet sein sollten. Sind die Kundendaten sauber getrennt? Wurde das Backup jemals wiederhergestellt, nicht nur eingerichtet? Trägt die Architektur, wenn es aus dem Pilotbetrieb ins ganze Unternehmen geht? Sein Befund dazu ist trocken… KI schreibt Code, aber sie übernimmt keine Verantwortung für den Betrieb.

Und dann dreht Draute etwas um, das im Mittelstand gerade als Bürde gilt. Gewachsene Prozesse, tiefes Branchenwissen, jahrelange Kundenbeziehungen: für ihn ist genau das der Rohstoff, aus dem KI-Anwendungen entstehen, die wirklich tragen. Wer in regulierten Märkten arbeitet, mit Betriebsrat und Lieferkettengesetz, kann eben nicht einfach loslegen. Das ist keine Schwäche… das ist die Ausgangslage.

Die andere Hälfte der Antwort sitzt in Bremen. Roland Becker hat JUST ADD AI im Jahr zweitausendsiebzehn gegründet, lange vor dem Boom der großen Sprachmodelle; neun Ausgründungen sind daraus geworden. Er vergleicht KI mit Elektrizität, die Intelligenz komme jetzt aus der Steckdose. Und dann sagt er den Satz, der jede Kaufentscheidung dreht: „Jede Plattform, die man heute einrichtet, wird schon in zwei Jahren hoffnungslos veraltet sein, und trotzdem muss man jetzt handeln."

Wenn das zutrifft, ist die Leistungsschau der Anbieter die falsche Bühne. Becker rät, weniger darauf zu schauen, was eine Plattform heute schon kann, und mehr darauf, ob der Partner in der Vergangenheit bewiesen hat, dass er mit diesem Tempo Schritt hält. Dazu zwei nüchterne Ratschläge aus einem Haus, das früh mit Gesundheits- und Finanzdaten gearbeitet hat: sich nicht einem einzigen Anbieter ausliefern, und wissen, welche Daten außereuropäische Systeme zu sehen bekommen.

Und weil das alles nach Kür klingt: seit Anfang August greifen die Transparenzpflichten der europäischen KI-Verordnung. Ein Chatbot, den die Marketingabteilung vor einem Jahr in zwei Wochen aufgesetzt hat, ist damit ein Vorgang mit Kennzeichnungspflicht. Die harten Fristen für Hochrisiko-Systeme sind nach hinten gerückt, auf Ende zweitausendsiebenundzwanzig… aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Neunzehn von zwanzig. Das ist der Anteil der Unternehmen ohne messbaren KI-Ertrag, und die Zahl sagt gerade nicht, dass die Technik nicht funktioniert. Sie sagt, dass die Technik in ein Haus muss, in dem aufgeräumt ist.

Wer in den vergangenen Jahren dokumentiert hat, wie er arbeitet, hat damit einen Vorsprung, von dem er nichts wusste. Alle anderen haben eine Aufgabenliste. Beides ist mehr wert als ein weiteres Werkzeug.

Das war Ihr Morning Brief. Morgen früh sind wir wieder da.

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