Morning Brief
Automatisierung im Baugewerbe

Wenn die Maschine den Mangel verwaltet

Produktivitätslücke Bau, GPS statt Personal, verborgene Kosten des Wartens

Erschienen am 6:17 Min.Folge 65

Mittwoch, 30. September 2026
Wenn die Maschine den Mangel verwaltet
0:006:17
Direkt hier abspielen oder in Ihrer Podcast-App hören: Spotify, Apple Podcasts, RTL+.

Worum es geht

Ein Betrieb im Sauerland führt GPS-gestützte Vermessung ein, weil die Personalsuche ergebnislos geblieben ist. Das ist kein Einzelfall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung: Das Baugewerbe hat bei der Kapitalausstattung den Anschluss an alle anderen Wirtschaftszweige verloren und verlässt sich bis heute auf Menschen, die immer schwerer zu finden sind. Diese Folge erklärt, warum sich der Maßstab für Investitionsentscheidungen gerade grundlegend verschiebt, und wo die stille Rechnung liegt, die die meisten Betriebe nicht aufmachen.

Akt 1: Was passiert ist

Seit 1991 ist die Produktivität je Arbeitsstunde im Baugewerbe um 7 Prozent gestiegen. In der Gesamtwirtschaft betrug der Zuwachs 40 Prozent, im produzierenden Gewerbe 73 Prozent, im Informations- und Kommunikationsgewerbe fast 200 Prozent. Das Baugewerbe weist gleichzeitig die niedrigste Kapitalintensität aller Wirtschaftszweige auf: Das Bruttoanlagevermögen je Erwerbstätigen beträgt laut BBSR nur etwa ein Fünftel des gesamtwirtschaftlichen Durchschnitts. Die genauen Vergleichszahlen finden sich in der BBSR-Studie (siehe Quellen).

Akt 2: Wie es wirklich funktioniert

Eine Stelle im Baugewerbe bleibt im Schnitt rund 270 Tage unbesetzt, fast doppelt so lang wie im branchenübergreifenden Durchschnitt. Im Aus- und Trockenbau sind es bis zu 300 Tage. 59 Prozent der Bauunternehmen berichten laut DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 von Stellenbesetzungsproblemen. Dazu kommt: Laut Statistischem Bundesamt werden 40 Prozent der Ausbildungsverträge im Hoch- und Tiefbau vorzeitig gelöst, der höchste Wert aller Wirtschaftszweige. Eine vorzeitige Vertragslösung bedeutet dabei nicht zwingend Abbruch: Ein Teil der Betroffenen wechselt Betrieb oder Beruf und schließt anderswo ab.

Michael Finette, Geschäftsführer der Baubetrieb Finette GmbH in Marsberg, beschreibt im Gespräch mit Wirtschaftsforum, wie sein Betrieb reagiert hat. Das Unternehmen arbeitet inzwischen mit GPS-gestützter Vermessungstechnik: „Wir arbeiten inzwischen mit GPS-gestützter Vermessungstechnik und benötigen auf der Baustelle keinen klassischen Bauplan mehr. Das System zeigt die erforderliche Position zentimetergenau an. Was früher mit Schnüren und Bandmaß aufwendig abgesteckt werden musste, lässt sich heute präzise und deutlich effizienter umsetzen." Finettes Programm: „Als Unternehmen werden wir digitale Prozesse ausbauen und in moderne Technik investieren, um personelle Engpässe zu kompensieren."

Damit verschiebt sich der Maßstab für Investitionsentscheidungen. Die klassische Rechnung, Anschaffung gegen Personalkosten, setzt voraus, dass Personal überhaupt verfügbar ist. Wer niemanden findet, muss auch den Wert der Aufträge einrechnen, die gar nicht erst angeboten oder angenommen werden.

Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet

GPS-gestützte Systeme und digitale Prozesse lösen das Qualifikationsproblem nicht. Sie brauchen jemanden, der die Anzeige liest, einen Fehler erkennt und eingreift. Wer in Technik investiert, ohne Leute ausbilden und halten zu können, verschiebt den Mangel auf Fähigkeiten, die noch schwerer zu finden sind. Finette zum technologischen Fortschritt: „Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels ist dieser technologische Fortschritt für uns unverzichtbar."

Die praktische Konsequenz: Offene Stellen in zwei Kategorien sortieren. Erste Sorte: Stellen, die Überstunden, Ersatz und Reibung erzeugen. Zweite Sorte: Stellen, die den Betrieb daran hindern, Aufträge anzunehmen. Bei der zweiten Sorte gehört die Marge der verlorenen Aufträge in die Vergleichsrechnung, bevor eine Investitionsentscheidung getroffen wird.

Die Zahl des Tages

Sieben Prozent: So viel ist die Produktivität je Arbeitsstunde im Baugewerbe seit 1991 gestiegen. Alle anderen Branchen haben in denselben 35 Jahren ein Vielfaches davon erreicht. Die Folge ist eine Branche, die bei Investitionen systematisch zurückgeblieben ist und jetzt unter Druck nachholt, was unter anderen Umständen vielleicht eine strategische Wahl gewesen wäre.

Eine Sache noch

Die Technik kommt. Die Frage ist, was sie wirklich ersetzt. Eine GPS-Maschine übernimmt die Absteckarbeit, aber kein System übernimmt das Urteil der Person, die auf der Baustelle steht und merkt, dass etwas nicht stimmt. Die Investition in Technik und die Investition in Ausbildung und Bindung sind keine Alternativen. Wer nur eine davon macht, hat die Rechnung noch nicht zu Ende gedacht.

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

In Marsberg im Sauerland bewegt sich eine Maschine über die Baustelle und folgt dabei einem Satellitensignal. Zentimetergenau. Der Plan auf Papier wird nicht mehr gebraucht.

Auf den ersten Blick eine Geschichte über technischen Fortschritt. Dann erfährt man, warum der Betrieb investiert hat… er fand kein Personal.

Die Maschine kam nach einer Suche, die ergebnislos geblieben war.

Guten Morgen. Heute ist Mittwoch, der dreißigste September, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Um zu verstehen, was gerade im deutschen Baugewerbe passiert, fängt man am besten damit an, wie wenig sich dort lange Zeit verändert hat.

Seit neunzehnhunderteinundneunzig ist die Produktivität je Arbeitsstunde in der Branche um sieben Prozent gestiegen.

In der Gesamtwirtschaft um vierzig. Im produzierenden Gewerbe um dreiundsiebzig.

Fünfunddreißig Jahre… sieben Prozent.

Das Baugewerbe hat außerdem die niedrigste Kapitalintensität aller Wirtschaftszweige. Auf jeden Beschäftigten kommt dort weniger Ausrüstung als in jedem anderen Bereich.

Die Branche hat sich weiter auf Menschen verlassen. Solange es billiger war, jemanden einzustellen, als die Arbeitsweise zu ändern, hatte das seine wirtschaftliche Logik.

Diese Logik trifft jetzt auf zweihundertsiebzig Tage. So lange bleibt eine Stelle im Baugewerbe im Schnitt unbesetzt… fast doppelt so lang wie im Durchschnitt aller Branchen.

Neunundfünfzig von hundert Bauunternehmen berichten von Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zu finden.

Und alles der Demografie zuzuschreiben, wäre bequem.

Vierzig Prozent der Ausbildungsverträge am Bau werden vorzeitig gelöst. Kein anderer Wirtschaftszweig hat einen höheren Wert.

Diese Zahl allein erklärt nicht, warum die Verhältnisse enden. Sie genügt aber, um die Klage unzureichend zu machen, es komme niemand mehr. Ein Teil kommt… und der Weg wird nicht zu Ende gegangen.

Michael Finette ist Geschäftsführer der Baubetrieb Finette GmbH in Marsberg. Im Gespräch mit Wirtschaftsforum beschreibt er, wie sein Betrieb darauf reagiert hat.

Das Haus stellt Betonflächen für Industrie und Gewerbe her, bundesweit, mit sechzehn festen Mitarbeitern und Nachunternehmern dazu.

Also genau die Größe, in der eine einzige unbesetzte Stelle darüber entscheidet, ob ein Auftrag angenommen werden kann oder nicht. Was dort entschieden wird, ist deshalb kein Sonderfall, sondern der Normalfall des Mittelstands.

Die Vermessung läuft inzwischen über GPS. Was früher Schnüre, Bandmaß und langes Abstecken verlangte, wird heute genauer und schneller erledigt.

Der Satz, auf den es ankommt, ist aber ein anderer: „Als Unternehmen werden wir digitale Prozesse ausbauen und in moderne Technik investieren, um personelle Engpässe zu kompensieren."

Damit ändert sich der Maßstab, an dem eine Investition gemessen wird.

In der gewohnten Rechnung muss eine Maschine zeigen, dass sie weniger kostet als die Arbeit, die dasselbe erledigt. Man stellt Anschaffung, Wartung, gesparte Stunden und Personalkosten gegenüber und sieht, in welcher Zeit sich die Ausgabe trägt.

Diese Rechnung setzt allerdings voraus, dass sich dieses Personal einstellen lässt.

Findet man niemanden, gehört eine andere Größe auf den Tisch: der Wert der Arbeit, auf die der Betrieb verzichtet.

Was ist der Auftrag wert, für den man nicht einmal ein Angebot abgibt? Was kostet eine verschobene Übergabe, weil eine Kolonne fehlt? Wie viel Umsatz wird von vornherein aus der eigenen Planung gestrichen?

Das sind Verluste, die man schwer sieht… die Rechnung für eine Maschine geht in der Buchhaltung ein. Ein nie angenommener Auftrag hinterlässt dort womöglich gar nichts.

So sind die Kosten der Investition genau, belegt und diskutiert. Die Kosten des Wartens bleiben ein Gefühl.

Das ist eine gute Methode, eine Maschine dauerhaft für zu teuer zu halten… und eine offene Stelle neun Monate lang auszuhalten.

Für den, der ein Unternehmen führt, ist die nützliche Frage deshalb sehr konkret. Welche unserer offenen Stellen lassen uns mehr ausgeben, und welche hindern uns am Arbeiten?

Bei der ersten Sorte rechnet man Überstunden, Ersatz und Reibung. Bei der zweiten gehört die Marge der verlorenen Aufträge dazu. Sonst ist der Vergleich schon unvollständig, bevor er beginnt.

Das heißt nicht, dass jede Anschaffung lohnend wird, sobald jemand fehlt. Es heißt, dass sich die Vorteilhaftigkeit an den verfügbaren Alternativen bemisst. Auch an der, Arbeit abzulehnen.

Dann bleibt das Problem, das kein Maschinenverkäufer für einen Betrieb löst.

Ein GPS-geführtes System braucht jemanden, der damit umgehen kann. Der eine Anzeige liest, einen Fehler erkennt und eingreift. Die Genauigkeit des Signals ersetzt nicht das Urteil dessen, der in der Kabine sitzt.

Für eine Branche, in der vier von zehn Ausbildungsverträgen vorzeitig enden, ist das der entscheidende Punkt. Wer in Technik investiert, ohne Leute ausbilden und halten zu können, verschiebt den Mangel womöglich auf Fähigkeiten, die noch schwerer zu finden sind.

Finette nennt den technologischen Fortschritt angesichts des Fachkräftemangels: „für uns unverzichtbar."

Das Wort stimmt. Unverzichtbar. Allein genügt es nicht.

Der Vorgang in Marsberg betrifft deshalb weit mehr als eine Baustelle. Er zeigt, wie der Personalmangel in die Entscheidungen über das Kapital hineinwandert und verändert, was ein Unternehmen für nötig hält, überhaupt zu kaufen.

Die Rendite zählt weiter. Nur muss man, um sie auszurechnen, auch der Arbeit einen Wert geben, die man heute ziehen lässt.

Die nächste Maschine dient vielleicht dazu, dieselbe Arbeit mit weniger Menschen zu machen. Oder dazu, sie überhaupt noch machen zu können.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

Jeden Morgen um sechs.

Abonnieren
Oder per E-Mail, jeden Werktag um sechs

Sie erhalten eine Bestätigungsmail. Erst nach Ihrem Klick beginnt der Versand. Abmeldung jederzeit mit einem Klick in jeder Ausgabe. Datenschutz

Kostenlos · Jederzeit mit einer Nachricht abbestellbar