Morning Brief
Solarmarkt Mittelstand

Solarmarkt zweigeteilt

Umverteilung im PV-Markt, Mechanik der 50%-Grenze, Konsequenz für Betriebe mit eigenem Dach

Erschienen am 5:07 Min.Folge 66

Donnerstag, 1. Oktober 2026
Solarmarkt zweigeteilt
0:005:07
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Akt 1: Umverteilung im PV-Markt

Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland 7,4 Gigawatt Solarleistung neu installiert, 388.000 Anlagen, fast ein Fünftel weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang verteilt sich ungleich: Rund 1.000 Freiflächenanlagen lieferten gut 4 Gigawatt, rund 185.000 Dachanlagen gut 3 Gigawatt. Das Segment zwischen 100 und 750 Kilowatt, typisch für gewerbliche Dächer im Mittelstand, verlor fast die Hälfte seines Volumens. Der Branchenverband BSW-Solar nennt den Gesamtausbau „auf Kurs", warnt aber vor Vorzieheffekten und einer politischen Ausbaubremse ab 2027. Die genauen Segmentzahlen stehen in den Shownotes.

Detailzahlen (Marktstammdatenregister, Auswertung EWS, Stichtag 14.07.2026):
Freifläche: ca. 1.002 Anlagen mit ca. 4.010 MW (plus ca. 20 % gegenüber Vorjahr)
Dächer gesamt: ca. 185.000 Anlagen mit ca. 3.186 MW
Segment 100 bis 750 kW: minus 48 %
Segment 30 bis 100 kW: minus 39 %
Großanlagen über 750 kW: ca. 891 Projekte, nahezu Vorjahresniveau
Gesamtanlagenzahl H1 2026: ca. 388.000 (minus 18 % gegenüber H1 2025)

Akt 2: Mechanik hinter dem Rückgang

Seit dem 25. Februar 2025 erhalten neue Anlagen keine Einspeisevergütung mehr in Stunden, in denen der Börsenstrompreis negativ ist (Solarspitzengesetz). Ausgefallene Vergütungsstunden werden nach dem 20-jährigen Förderzeitraum nachgeholt. Ausgenommen sind Anlagen unter 2 kWp und Anlagen von 2 bis 100 kWp ohne intelligentes Messsystem.

Das Kabinett hat am 29. Juli 2026 einen Entwurf zur EEG-Novelle beschlossen. Kernpunkte laut Bundesregierung: Die Einspeiseleistung kleiner und mittlerer PV-Dachanlagen soll auf 50 Prozent begrenzt werden, um Mittagsspitzen zu vermeiden. Neue Anlagen sollen grundsätzlich über die Direktvermarktung in den Markt integriert werden. Rechtsstand: Bundestag und Bundesrat haben noch nicht entschieden. Vorgesehener Start ist der 1. Januar 2027.

Akt 3: Konsequenz für Betriebe mit eigenem Dach

Helmut Mauerer, Geschäftsführer der hm-pv GmbH in Pemfling-Grafenkirchen (Oberpfalz), beschreibt im Gespräch mit Wirtschaftsforum die Lage aus der Praxis: Wer eine PV-Anlage plant, tut das heute unter anderen Vorzeichen als noch vor drei Jahren. Der Ertrag hängt immer stärker am eigenen Lastprofil, weniger an der installierten Dachfläche. Speicher und Lademanagement entscheiden mit, wie viel eine Anlage tatsächlich einbringt.

Praxisbeispiel (paraphrasiert nach Wirtschaftsforum-Interview): In einer Tischlerei hat hm-pv eine 100-kW-Anlage mit Speicher und Wallboxen verbunden. Eigenem Strom wird beim Laden der Fahrzeuge automatisch Vorrang gegeben.

Die Zahl des Tages

Fast die Hälfte des gewerblichen Dachgeschäfts im Segment 100 bis 750 Kilowatt ist im ersten Halbjahr 2026 weggebrochen (minus 48 %). Die Gesamtzahl der Neuanlagen liegt bei fast einem Fünftel unter dem Vorjahreswert, obwohl die installierte Gesamtleistung stieg.

Zum Weiterlesen

Für die Fachabteilung

Solarspitzengesetz (in Kraft seit 25.02.2025): Gesetz zur Änderung des Energiewirtschaftsrechts zur Vermeidung von temporären Erzeugungsüberschüssen. Vergütungsunterbrechung nach § 51 EEG bei negativen Börsenstrompreisen; Ausgleich nach § 51a EEG (Verlängerung des Förderzeitraums um aufgerundete Viertelstunden). Ausnahmen: Anlagen unter 2 kWp; Anlagen 2 bis 100 kWp ohne Smart Meter. EEG-Novelle-Entwurf (Kabinettsbeschluss 29.07.2026, Drucksache 470/26 beim Bundesrat seit 14.08.2026): 50%-Einspeisegrenze für Dachanlagen; Direktvermarktung als Regelfall ab 25 kW; befristete Übergangszahlung für kleinere Anlagen (geplant 5,2 ct/kWh, max. 36 Monate); Direktvermarktungsbonus (geplant 1,5 ct/kWh, max. 48 Monate). Rechtsstand: kein geltendes Recht, Bundestag und Bundesrat noch nicht entschieden.

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Irgendwo in Deutschland steht an diesem Morgen ein Solarteur auf einem Dach und rechnet nach, wie lange die Aufträge noch reichen.

In der Fachpresse steht am selben Morgen, der Ausbau sei auf Kurs.

Beide Sätze stimmen. Und genau darin liegt das Problem.

Guten Morgen. Heute ist Donnerstag, der erste Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Gut sieben Gigawatt Solarleistung sind im ersten Halbjahr ans Netz gegangen. Eine schöne Zahl, und sie ist richtig.

Gebaut wurde sie von dreihundertachtundachtzigtausend Anlagen… fast ein Fünftel weniger als im Jahr davor.

Mehr Leistung, weniger Aufträge. Das ist keine Konjunktur. Das ist eine Umverteilung.

Gut tausend Freiflächenanlagen brachten rund vier Gigawatt.

Hundertfünfundachtzigtausend Dächer brachten gut drei.

Tausend Felder wiegen also schwerer als hundertfünfundachtzigtausend Dächer. So sieht es aus, wenn ein Markt entscheidet, wen er noch braucht.

Nach Segmenten sortiert wird es deutlicher.

Die Freifläche legt um ein Fünftel zu. Das Gewerbedach verliert ein Drittel.

Zwischen hundert und siebenhundertfünfzig Kilowatt liegt das Dach eines mittelständischen Betriebs.

Dort ist fast die Hälfte des Geschäfts verschwunden.

Die Branche wächst also… sie wächst nur woanders.

Eine Branchenzahl ist ein Mittelwert, und ein Mittelwert ist eine Behauptung über niemanden. Er beschreibt eine Lage zwischen zwei Märkten, in der kein einziges Unternehmen tatsächlich arbeitet.

Das ist nicht das Problem der Solarbranche allein. Überall, wo Großprojekte und Kleinaufträge in dieselbe Statistik laufen, lassen sich Rekorde melden, während in den Betrieben das Telefon stiller wird.

Helmut Mauerer ist Geschäftsführer der hm-pv GmbH in Pemfling in der Oberpfalz. Im Gespräch mit Wirtschaftsforum klingt er nicht wie der Marktführer, der er in seiner Region ist.

Knapp fünfzig Mitarbeiter, mehr als achttausend Kunden, Anlagen vom Einfamilienhaus bis zum Solarpark.

Dass er vorsichtig spricht, hat einen Grund… er hat diesen Markt schon einmal sterben sehen.

Zweitausendzwölf musste sein Unternehmen den Großteil der damals zweihundert Mitarbeiter gehen lassen.

Drei Jahre Krisenmanagement, dann wieder schwarze Zahlen. Heute ist das Haus schuldenfrei.

Schuldenfrei ist ein Wort, das man so betont, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, es nicht zu sein.

Und obwohl er führt, sagt er diesen Satz: „Wir schauen immer wieder über den Tellerrand hinaus und überlegen, wo sich für uns neue Chancen ergeben könnten, da die Solarbranche aktuell viele Herausforderungen mit sich bringt."

Genannt werden Klimaanlagen, mittelfristig ein Heizungsbaubetrieb.

Ein Marktführer, der über den Tellerrand schaut, hat den Teller gesehen.

Warum das Dach zurückfällt, hat mit der Sonne nichts zu tun. Es hat damit zu tun, wofür ein Dach bezahlt wird.

Seit Februar zweitausendfünfundzwanzig gibt es für neue Anlagen keine Vergütung in den Stunden, in denen der Börsenpreis unter null fällt.

Bezahlt wird also nicht mehr, dass Strom entsteht. Bezahlt wird, dass er zur richtigen Stunde entsteht.

Und Ende Juli hat das Kabinett einen Entwurf auf den Weg gebracht, der die Einspeiseleistung kleiner und mittlerer Dachanlagen auf die Hälfte begrenzen soll.

Beschlossen ist davon nichts. Bundestag und Bundesrat haben nicht entschieden, vorgesehen ist der Start zum Jahreswechsel.

Die Richtung steht trotzdem fest. Aus einer Einnahme wird eine Ersparnis.

Und eine Ersparnis ist etwas anderes als ein Ertrag… sie hängt nicht am Preis an der Börse, sondern daran, ob mittags im Betrieb überhaupt jemand den Strom braucht.

Damit entscheidet nicht die Dachfläche über die Rechnung, sondern das Lastprofil.

In einer Tischlerei hat Mauerers Betrieb deshalb Dach, Speicher und Ladepunkte miteinander verbunden, gesteuert so, dass die Fahrzeuge möglichst mit eigenem Strom laden.

Nicht die Anlage ist die Leistung… die Gleichzeitigkeit ist es.

Für ein Unternehmen mit eigenem Dach steht damit ein Datum im Raum. Wer die heutigen Bedingungen behalten will, muss vorher am Netz sein, sofern der Entwurf so kommt.

Das ist die kurze Antwort. Die längere hat kein Datum.

Die Zahl, an der ein Unternehmen sein Geschäft misst, sollte nicht die sein, die auf den Branchentagen vorgetragen wird. Ob der Markt wächst, ist selten die richtige Frage… ob der eigene Teil davon wächst, schon.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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