Morning Brief
Kundenservice Notfall

Mensch oder Maschine: Wer nimmt ab, wenn es brennt?

Kundenservice im Notfall: der blinde Fleck der Automatisierung, Erfahrungswissen als stiller Wettbewerbsvorteil, was Betriebe jetzt sortieren sollten

Erschienen am 5:18 Min.Folge 70

Mittwoch, 7. Oktober 2026
Mensch oder Maschine: Wer nimmt ab, wenn es brennt?
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Worum es geht

Automatisierung im Kundenservice ist sinnvoll, solange sie die Routine trifft. Sobald sie den Notfall erfasst, kostet sie Kunden, und zwar still: Der Kunde beschwert sich nicht, er bestellt beim nächsten Mal woanders. Diese Folge zeigt, wo die Grenze liegt, warum Erfahrungswissen ein stiller Wettbewerbsvorteil ist, und was Betriebe konkret sortieren sollten.

Akt 1: Was passiert ist

Der Digitalverband Bitkom hat Anfang 2025 repräsentativ befragte Online-Käufer gefragt, an wen sie sich bei Problemen wenden wollen. 62 Prozent wünschen sich eine schnell erreichbare menschliche Kontaktperson, 36 Prozent einen Chatbot. Die Zufriedenheit spricht eine deutlichere Sprache: 86 Prozent der Nutzer menschlicher Kontakte waren zufrieden, beim Chatbot war es nur die Hälfte (50 Prozent). Befragt wurden Verbraucher beim Online-Shopping, nicht Unternehmenskunden. Die Übertragung auf das B2B-Verhältnis ist eine Lesart der Redaktion: Im Geschäft zwischen Unternehmen steht in der Regel mehr auf dem Spiel als ein verspätetes Paket. Bitkom-Pressemitteilung (22.05.2025)

Akt 2: Wie es wirklich funktioniert

Corroventa ist ein schwedisches Unternehmen, gegründet 1985, seit 2007 Teil der Industrieholding Volati. Es baut Trocknungsgeräte für Wasserschäden, produziert und entwickelt in Schweden. Kunden sind professionelle Dienstleister, die Wasserschäden beheben, im Auftrag von Versicherungen und Immobilieneigentümern. Die Geräte sind zunehmend digital vernetzt und ermöglichen Remote-Monitoring in Echtzeit. Trotz dieser Digitalisierung setzt Geschäftsführer Gregorio Zuazu Vela der deutschen Corroventa Entfeuchtung GmbH bewusst auf persönliche Beratung: „Gerade in Krisensituationen schätzen unsere Kunden diese direkte Unterstützung." Das Modell zeigt: Digitale Geräte und menschlicher Service schließen sich nicht aus. Die Maschine meldet den Status, der erfahrene Mensch hat dadurch Zeit für den Anruf, bei dem es um mehr geht als einen Messwert.

Das vollständige Interview: Wirtschaftsforum: Warum smarte Trocknung immer wichtiger wird (29.07.2026)

Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet

Der blinde Fleck liegt in der Kostenstelle: Was die Automatisierung des Notfall-Kanals spart, ist sichtbar. Was sie kostet, steht nirgends, bis der Auftrag ausbleibt. Betriebe, die ihren Kundenservice durchleuchten wollen, beginnen am besten mit einer Sortierung: Welche Anfragen sind Routine und passen in Portal oder Ticket, und welche sind Notfälle, bei denen jede Stunde Geld kostet? Für die zweite Sorte braucht es eine eigene Nummer, unter der ein Mensch abnimmt, der den Kunden kennt und ohne Rückfrage entscheiden darf. Dieser Mensch muss dem Kunden bekannt sein, bevor der Notfall eintritt. Und das Erfahrungswissen der Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahrzehnten die schwierigen Anrufe annehmen, sollte weitergegeben werden, bevor es still in Rente geht.

Die Zahl des Tages

86 Prozent: So groß ist der Anteil der Nutzer menschlicher Kundenservice-Kontakte, die mit dem Service zufrieden waren. Beim Chatbot sind es 50 Prozent. Die Lücke von 36 Prozentpunkten ist größer als viele Entscheider annehmen, wenn sie den Kanal wechseln. Quelle: Bitkom, Befragung KW 1 bis KW 3 2025, veröffentlicht 22.05.2025.

Eine Sache noch

Wer den Notfall automatisiert, verliert den Kunden, der am längsten geblieben ist. Aber umgekehrt gilt: Wer die Routine nicht automatisiert, bindet erfahrene Mitarbeiter an Standardanfragen und nimmt ihnen die Zeit für genau die Fälle, in denen ihr Wissen zählt. Beides zu unterscheiden ist der eigentliche Hebel, und er liegt nicht im Organigramm, sondern in der ehrlichen Sortierung der Anfragen.

Alle Quellen und Details

Die genauen Zahlenwerte aus der Bitkom-Studie (vollständige Kanalübersicht und Zufriedenheitswerte) in den verlinkten Quellen unten.

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Montagmorgen, kurz nach sieben. In einer Lagerhalle steht Wasser, weil über das Wochenende eine Leitung nachgegeben hat. Der Betriebsleiter ruft den Lieferanten an, mit dem das Haus seit fünfzehn Jahren zusammenarbeitet.

Am anderen Ende fragt ihn eine freundliche Stimme, ob er seine Kundennummer eingeben möchte.

Guten Morgen. Heute ist Mittwoch, der siebte Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Die Szene ist erfunden, aber jeder kennt sie, von der einen oder der anderen Seite der Leitung. Kaum ein Unternehmen, das in den letzten Jahren nicht ein Kundenportal eingeführt hat, ein Ticketsystem, eine Sprachansage mit Menü oder ein Chatfenster auf der Website.

Die Gründe dafür sind gut. Die allermeisten Anfragen sind Routine: ein Lieferstatus, eine Rechnungskopie, eine Frage, die schon hundertmal beantwortet wurde. Dafür muss niemand einen erfahrenen Mitarbeiter ans Telefon holen, und niemand sollte es.

Unsere Position ist trotzdem eindeutig. Automatisiert gehört die Routine… nicht der Notfall. Und viele Betriebe sind gerade dabei, beides in denselben Kanal zu schieben, weil es im Organigramm ordentlicher aussieht.

Denn der Moment, in dem ein Kunde entscheidet, ob er bleibt, ist selten der gewöhnliche Dienstag. Es ist der Tag, an dem etwas schiefgeht. Da zeigt sich, ob am anderen Ende jemand ist… der den Fall versteht und entscheiden darf.

Wie stark dieser Wunsch ist, zeigt sich ausgerechnet dort, wo die Automatisierung am weitesten ist. Der Digitalverband Bitkom hat im vergangenen Jahr Menschen gefragt, die online einkaufen, an wen sie sich bei einem Problem am liebsten wenden.

Gut sechs von zehn wollen eine schnell erreichbare menschliche Kontaktperson. Einen Chatbot wünscht sich gut ein Drittel.

Noch deutlicher ist die Zufriedenheit. Von denen, die mit einem Menschen zu tun hatten, waren knapp neun von zehn zufrieden. Beim Chatbot war es die Hälfte.

Das sind Verbraucher… mit einem verspäteten Paket. Nach allem, was wir aus den Betrieben hören, ist der Abstand zwischen Unternehmen eher größer, weil mehr auf dem Spiel steht: eine stehende Linie, ein Termin beim eigenen Kunden, ein Schaden, der mit jeder Stunde wächst.

Wie das ein Hersteller sieht, dessen Geschäft vor allem aus Notfällen besteht, lässt sich bei Corroventa nachhören. Das schwedische Unternehmen baut Trocknungsgeräte für Wasserschäden, und seine Kunden sind Fachbetriebe, die nach Rohrbrüchen und Überschwemmungen im Auftrag von Versicherungen und Eigentümern Gebäude trocknen.

Die Geräte sind zunehmend vernetzt. Wie weit eine Trocknung ist, sieht der Kunde in Echtzeit aus der Ferne, ohne ständig vor Ort zu sein. Man würde erwarten, dass ein solches Unternehmen auch den Kontakt zum Kunden digitalisiert, so weit es nur geht.

Gregorio Zuazu Vela, der Geschäftsführer der deutschen Corroventa Entfeuchtung, sagt im Gespräch mit Wirtschaftsforum das Gegenteil: „Viele Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten im Unternehmen und verfügen über enormes Erfahrungswissen. Wir setzen bewusst auf persönliche Beratung statt auf automatisierte Systeme. Gerade in Krisensituationen schätzen unsere Kunden diese direkte Unterstützung."

Das ist kein Widerspruch… sondern eine Arbeitsteilung. Die Maschine meldet selbst, wie es um die Halle steht, und genau dadurch hat ein erfahrener Mensch Zeit für den Anruf, in dem es um mehr geht als um einen Messwert.

Darin steckt der eigentliche Wert des Mittelstands, und er steht in keiner Bilanz. Es ist die Kollegin, die den Kunden seit zwanzig Jahren kennt, die weiß, wie seine Anlage verbaut ist, und die beim letzten Schaden schon einmal dabei war. Kein Portal kennt diese Vorgeschichte.

Gespart wird oft genau dort. Die Hotline wandert zu einem Dienstleister, die erfahrene Kollegin geht in Rente, und an ihre Stelle tritt ein Formular mit Pflichtfeldern. Was das spart, steht in der Kostenstelle. Was es kostet, steht nirgends… bis zum nächsten Notfall.

Und dann steht es auch nicht in der Kostenstelle, sondern im Auftragseingang. Ein Kunde, der in der schlimmsten Stunde seines Jahres eine Kundennummer eintippen musste, beschwert sich selten. Er bestellt beim nächsten Mal woanders, und niemand im Haus erfährt den Grund.

Was daraus folgt, ist zuerst eine ehrliche Sortierung. Welche Anfragen sind Routine und dürfen in Portal und Ticket, und welche sind Notfälle, bei denen jede Stunde Geld kostet, entweder dem Kunden oder einem selbst.

Für die zweite Sorte braucht es einen eigenen Weg: eine Nummer, unter der ein Mensch abnimmt, der den Kunden kennt und ohne Rückfrage entscheiden darf. Und der Kunde muss diese Nummer kennen, bevor er sie braucht, nicht erst, wenn das Wasser schon steht.

Dazu gehört, das Erfahrungswissen nicht still in Rente gehen zu lassen. Die Kollegin, die seit Jahrzehnten die schwierigen Anrufe annimmt, sollte die nächsten Jahre damit verbringen, es jemandem beizubringen… nicht damit, Tickets abzuarbeiten.

Wer die Routine automatisiert, gewinnt Zeit für den Notfall. Wer den Notfall automatisiert, verliert den Kunden, und zwar ausgerechnet den, der am längsten geblieben ist.

Der Betriebsleiter in der nassen Halle hat seine Kundennummer übrigens eingegeben. Ob er beim nächsten Mal noch dort anruft, steht auf einem anderen Blatt.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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