Morning Brief
KI-Ausschöpfung in Betrieben

KI im Betrieb: Mehrheit nutzt sie, fast niemand schöpft sie aus

Verbreitung gestiegen, Ausschöpfung minimal, Engpass sind die Menschen

Erschienen am 6:10 Min.Folge 73

Montag, 12. Oktober 2026
KI im Betrieb: Mehrheit nutzt sie, fast niemand schöpft sie aus
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Worum es geht

Erstmals arbeitet die Mehrheit der deutschen Wirtschaft mit Künstlicher Intelligenz, aber fast kein Unternehmen schöpft das Potenzial aus. Der eigentliche Engpass sind nicht Lizenzen oder Budget, sondern Menschen, die Automatisierungen so bauen, dass sie dauerhaft halten. Diese Folge erklärt den Mechanismus, warum Mitarbeiterakzeptanz oft keine Technikfrage ist, und was Betriebe konkret tun können, ohne eine neue Stelle auszuschreiben.

Akt 1: Was die Zahlen wirklich sagen

Der Digitalverband Bitkom hat im Sommer 2026 sechshundertdrei Unternehmen ab zwanzig Beschäftigten repräsentativ befragt (Kalenderwochen 28 bis 33). 57 Prozent setzen KI ein, im Vorjahr waren es 36 Prozent, vor zwei Jahren 20 Prozent. Kein einziges dieser Unternehmen schöpft das Potenzial vollständig aus. Drei Prozent tun es eher stark, 28 Prozent eher wenig, 59 Prozent überhaupt nicht. Die genauen Zahlen zur Ausschöpfung und zu Hemmnissen stehen in den verlinkten Quellen.

Akt 2: Warum Akzeptanz oft keine Technikfrage ist

Die BARMER-Langzeitstudie social health@work (gemeinsam mit der Universität St. Gallen, rund 8.000 Erwerbstätige, acht Befragungswellen über dreieinhalb Jahre) zeigt: Bei der Einführung digitaler Arbeitsweisen steigt der Stress um rund 6 Prozent. Danach fällt er um mehr als 14 Prozent, bis unter den Ausgangswert. Der Befund basiert auf der dritten Auswertung der Studie (abgeschlossen Juli 2021); er beschreibt einen Mechanismus, keine aktuelle Momentaufnahme.

Was Bitkom unter KI-Anwendern misst: 42 Prozent berichten von mangelnder Mitarbeiterakzeptanz. 66 Prozent nennen Datenschutz als Hemmnis, 56 Prozent rechtliche Verunsicherung. Unter Nicht-Anwendern: 85 Prozent fehlendes technisches Know-how, 51 Prozent zu wenig Personal.

Akt 3: Was Betriebe konkret tun können

Artikel 4 der EU-KI-Verordnung (Verordnung EU 2024/1689) gilt seit dem 2. Februar 2025: Anbieter und Betreiber von KI-Systemen müssen für ausreichende KI-Kompetenz ihrer Mitarbeitenden sorgen. Die Pflicht hängt nicht an einer Unternehmensgröße. Eine Schulung macht einen sicheren Anwender, keinen Entwickler, der dauerhafte Automatisierungen baut. Beides ist nötig, das eine ersetzt das andere nicht.

Praktische Ausgangspunkte: Anwenderrolle und Entwicklerrolle klar trennen. Dem Vorhaben einen Namen und eine verantwortliche Person geben, und ausdrücklich festlegen, was für diese Person dafür anderswo wegfällt. Dokumentation von Anfang an einplanen. In einem halben Jahr prüfen, ob das Ergebnis noch richtig rechnet.

Zahlen und Details

  • KI-Einsatz 2026: 57 % (2025: 36 %, 2024: 20 %)
  • Ausschöpfung des KI-Potenzials bei Anwendern: 0 % vollständig, 3 % eher stark, 28 % eher wenig, 59 % überhaupt nicht
  • Schulungen: 75 % der Unternehmen schulen; 25 % bieten keine Schulung an (Vorjahr: 43 %)
  • Kompetenzen der Belegschaft: 66 % der Unternehmen halten sie für gering, 28 % für hoch
  • Personalerwartung (nicht im Podcast): 45 % rechnen mit leichtem Beschäftigungsrückgang durch KI, 12 % mit deutlichem. Unter KI-Anwendern: nur 9 % erwarten deutlichen Rückgang, 18 % erwarten Zuwachs
  • Gemessener Nutzen bei Anwendern: 66 % verbesserte Wettbewerbsposition, 48 % schnellere interne Prozesse, 45 % messbarer Beitrag zum Geschäftserfolg, 40 % bessere Produktqualität, 36 % neue Produkte oder Dienste
  • BARMER/Uni St. Gallen: Stressanstieg bei Einführung digitaler Arbeitsweisen +6 %, danach Abfall auf unter Ausgangswert (mehr als -14 %)
TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Die Vorführung dauert eine halbe Minute. Eine Frage hinein, eine fertige Antwort heraus, und jemand im Raum sagt den Satz, den in diesem Jahr sehr viele gesagt haben: das müssten wir auch haben.

Weiter hinten im Raum sitzt die Person, die es bauen soll. Sie sagt nichts. Sie rechnet.

Guten Morgen. Heute ist Montag, der zwölfte Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Der Digitalverband Bitkom hat im Sommer sechshundertdrei Unternehmen ab zwanzig Beschäftigten befragt.

Erstmals arbeitet die Mehrheit der deutschen Wirtschaft mit Künstlicher Intelligenz. Vor zwei Jahren war es ein Fünftel.

In derselben Erhebung steht eine zweite Zahl, seltener zitiert. Kein einziges der befragten Unternehmen sagt, es schöpfe diese Technik voll aus… fast sechs von zehn sagen, sie schöpften sie überhaupt nicht aus.

Der Vorsprung, vor dem sich im Mittelstand gerade so viele fürchten, existiert so nicht. Niemand ist hinten, weil niemand vorne ist. Was es gibt, sind Unternehmen, die etwas gekauft haben und noch suchen, wer es zum Laufen bringt.

Der Engpass ist nicht die Technik, und das Geld ist es auch nicht. Der Engpass sind ein paar wenige Menschen… und das ist eine unbequeme Nachricht.

Gemeint sind nicht die, die ein Sprachmodell bedienen können. Das können inzwischen viele. Gemeint sind die, die eine Automatisierung so bauen, dass sie in zwei Jahren noch richtig rechnet.

In den Gesprächen, die wir mit Betrieben führen, taucht dafür immer dieselbe Kombination auf. Den Vorgang im Kopf, mitsamt den Ausnahmen, die nie jemand aufgeschrieben hat. Die Daten dahinter, und das Wissen, welches Feld wirklich stimmt.

Und dazu die Fähigkeit, das Ganze zu bauen: Werkzeuge auswählen, Schnittstellen verbinden, eine Sprache nehmen, die sich in fünf Jahren noch warten lässt.

Ein Prompt ist eine Bestellung… kein Bauplan.

Menschen, die alle drei Teile mitbringen, gibt es sehr wenige. Unser Eindruck ist, dass sie gerade so gefragt sind wie selten.

Wer so jemanden im Haus hat, hat etwas Seltenes… und es lohnt sich, das auch so zu behandeln.

In den Betrieben, die wir kennen, gibt es davon ohnehin genau einen. Mit Glück zwei. Er betreut schon die Warenwirtschaft, nebenher die Telefonanlage, und seit ein paar Jahren auch die Website.

Er hat kein Projektbudget und keine Vertretung. Er hat einen Kalender. In diesen Kalender wird jetzt die Zukunft des Unternehmens einsortiert.

Die Zahlen bestätigen ihn. Von den Unternehmen ohne Künstliche Intelligenz nennen fünfundachtzig von hundert fehlendes technisches Wissen als Hindernis, jedes zweite schlicht: zu wenig Leute.

Bei denen, die schon dabei sind, berichten zweiundvierzig von hundert von mangelnder Akzeptanz in der Belegschaft. Das ist selten eine Haltung zur Technik… es ist eine Haltung zu dem, was man ohnehin schon alles gleichzeitig soll.

Gemessen hat das die Gesundheitsforschung und nicht die Branche, die die Software verkauft. Die BARMER hat mit der Universität St. Gallen rund achttausend Erwerbstätige über Jahre begleitet und ihre Belastung rund um die Einführung digitaler Arbeitsweisen erhoben.

Das Ergebnis hat zwei Seiten. Während der Einführung steigt der Stress um rund sechs Prozent.

Danach fällt er um mehr als vierzehn, bis unter den Wert, bei dem er vorher lag.

Die Belastung ist also echt, und sie ist vorübergehend. Vorausgesetzt, jemand lässt die Kurve zu Ende laufen.

Das gelingt nicht immer, und meist aus gutem Willen. Wenn mehrere Vorhaben gleichzeitig starten, bleibt die Belegschaft länger in der Phase, in der Veränderung mehr kostet als sie bringt.

Was dann zu sehen ist, sieht aus wie Widerstand gegen Software. Wir lesen es eher als Erschöpfung durch Gleichzeitigkeit… und die lässt sich planen.

Dazu passt die Zahl, die am häufigsten falsch gelesen wird. Zwei Drittel der Unternehmen halten die Kompetenzen ihrer eigenen Belegschaft für gering, und ein Viertel bietet trotzdem keine Schulung an.

Dass dieser Anteil fällt, ist gut. Im Jahr davor lag er noch über vierzig von hundert.

Es ist obendrein Pflicht: die europäische Verordnung über Künstliche Intelligenz verlangt seit Anfang zweitausendfünfundzwanzig, dass befähigt wird, wer solche Systeme einsetzt.

Nur beantwortet eine Schulung eine andere Frage.

Sie macht aus einem Mitarbeiter einen sicheren Anwender. Jemanden, der weiß, was er in ein Modell eingeben darf und was nicht, und was der Datenschutz dazu sagt.

Sie macht aus ihm keinen, der Automatisierungen baut, die Jahre halten. Und sie macht aus ihm auch keinen, der es dann tut.

Die Schulungsquote ist deshalb ein guter Anfang, aber noch kein Fortschrittsbalken. Rechtssicherheit und Fähigkeit sind beide nötig, und das eine ersetzt das andere nicht.

Was daraus folgt, kostet keine Lizenzgebühren.

In den Betrieben, in denen es gut läuft, steht am Anfang eine klare Unterscheidung. Sichere Anwender im ganzen Haus sind das eine, jemand, der etwas baut, das in zwei Jahren noch läuft, das andere. Zwei verschiedene Aufgaben, und meist auch zwei verschiedene Menschen.

Dort hat das Vorhaben außerdem einen Namen statt einer Abteilung, und es ist ausgesprochen, was für diese Person dafür an anderer Stelle wegfällt. Sonst läuft es nebenher, so lange, wie es eben geht.

Hilfreich ist auch, die Zeit fürs Aufschreiben von Anfang an einzuplanen. Eine Automatisierung ohne Dokumentation hängt sonst an einem einzigen Menschen.

Und es braucht jemanden, der in einem halben Jahr nachsieht, ob das Ganze noch richtig rechnet. Verantwortlicher Einsatz heißt genau das… und nicht viel mehr.

Eine Automatisierung, die niemand nachhält, wird zur stillen Fehlerquelle, die höflich formatierte Ergebnisse liefert. Das ist gefährlicher als gar keine.

Das zweite Vorhaben beginnt dann am besten, wenn das erste ohne Aufsicht läuft. Nicht schon an dem Tag, an dem es bezahlt ist.

Verantwortlich mit dieser Technik umzugehen fängt deshalb nicht bei der Software an, und auch nicht beim Datenschutz. Es fängt bei einem Kalender an, bei etwas Anerkennung und bei der Frage, wer im nächsten Frühjahr nachsieht.

Die Person, die in der Vorführung hinten saß und nichts gesagt hat, hat das längst ausgerechnet. Fragen Sie sie. Sie hat vermutlich schon eine Antwort.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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