Morning Brief
Insolvenzen und Fremdfinanzierung

Geliehenes Wachstum

Insolvenzzahlen steigen | Zinsannahme als Geschäftsmodell-Risiko | Finanzierungscheck für den Betrieb

Erschienen am 4:23 Min.Folge 74

Dienstag, 13. Oktober 2026
Geliehenes Wachstum
0:004:23
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Akt 1: Was passiert ist

Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat am Freitag, 9. Oktober 2026, die Insolvenzzahlen für Juli 2026 veröffentlicht. Die deutschen Amtsgerichte registrierten 2.373 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 8,0 Prozent mehr als im Juli 2025. Von Januar bis Juli 2026 wurden insgesamt 15.185 Unternehmensinsolvenzen gezählt, ein Plus von 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Wichtig für die Einordnung: Die Fälle fließen erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik ein. Der tatsächliche Zeitpunkt des Antrags liegt in vielen Fällen annähernd drei Monate davor.

Akt 2: Warum es so kommt

Das Baugewerbe liegt mit 62,9 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen (Januar bis Juli 2026) fast anderthalbmal so hoch wie der Gesamtschnitt aller Branchen (42,8). Zum Vergleich: Verkehr und Lagerei 85,5, Gastgewerbe 70,0. Die genauen Branchenzahlen finden sich in den Shownotes.

Ein Muster hinter den Zahlen: In der Niedrigzinsphase wurden viele Projekte mit maximal hohem Fremd- und Mezzaninkapitaleinsatz kalkuliert. Wer Projekte so anging, konnte bei steigenden Zinsen nur verlieren. Nicht der Zins selbst hat diese Betriebe getroffen, sondern die Annahme, dass er niedrig bleibt.

Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet

Werner Mürz, alleiniger Inhaber der Residia Gruppe in München (eigener Wohnimmobilienbestand, Projektentwicklung Studentenapartments und Service-Apartments, Kernmarkt Süddeutschland), beschreibt im Interview mit Wirtschaftsforum seinen Grundsatz: Projektgrößen bewusst so dimensionieren, dass sie vollständig aus eigener Kraft getragen werden können, ohne auf externe Kapitalgeber angewiesen zu sein. Komplexe Finanzierungsstrukturen mit mehreren Kapitalschichten funktionieren nur, solange keine Schicht nachgibt.

Praktische Prüfung für den Betrieb: Liste der Finanzierungen, deren Zinsbindung in den nächsten zwei Jahren ausläuft, und für jede eine Rechnung mit dem heutigen Zinsniveau statt dem damaligen. Wo das Ergebnis kippt, liegt kein reines Zinsrisiko, sondern ein Geschäftsmodell, das auf einer Annahme steht.

Insolvenzhäufigkeit Januar bis Juli 2026 je 10.000 Unternehmen (Destatis)

  • Verkehr und Lagerei: 85,5
  • Gastgewerbe: 70,0
  • Baugewerbe: 62,9
  • Alle Branchen gesamt: 42,8

Hinweis: Diese Werte sind keine Prozentwerte, sondern absolute Fallzahlen je 10.000 Unternehmen im jeweiligen Wirtschaftsabschnitt.

Interview

Werner Mürz im Gespräch mit Wirtschaftsforum: Werte bauen, Zukunft im Wohnraum (wirtschaftsforum.de, 12. Oktober 2026)

Über die Residia Gruppe

Eigentümergeführter Projektentwickler mit Sitz in München und Oberhaching. Geschäftsführer und Gründer: Werner Mürz. Eigener Immobilienbestand über 58.000 m², Projektentwicklung (Studentenapartments, Service-Apartments, Wohnimmobilien) im Großraum München und Süddeutschland. residia.de

TranskriptDen gesprochenen Text der Folge lesen

Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Zehn Jahre lang galt in vielen Betrieben ein Satz fast als Pflicht: Wer nicht finanziert, verschenkt Rendite. Geld kostete beinahe nichts, und wer trotzdem mit eigenem Kapital baute, musste sich erklären.

Inzwischen erklärt sich das… von selbst.

Guten Morgen. Heute ist Dienstag, der dreizehnte Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Am Freitag hat das Statistische Bundesamt die neuen Insolvenzzahlen vorgelegt. Im Juli haben die Amtsgerichte gut zweitausenddreihundert beantragte Unternehmensinsolvenzen registriert, acht Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Seit Jahresbeginn sind es mehr als fünfzehntausend. Und weil die Fälle erst nach der ersten Entscheidung des Gerichts gezählt werden, liegen die Anträge oft schon drei Monate zurück.

Am Bau ist die Quote fast anderthalbmal so hoch wie im Schnitt aller Branchen. Das überrascht niemanden, der die Projektentwickler der letzten zwei Jahre beobachtet hat. Interessanter ist die Frage, warum es manche trifft und andere nicht.

Nicht jede Insolvenz ist ein Fehler. Es gibt Pech, Nachfrage, die wegbricht, Kunden, die nicht zahlen. Aber ein Teil der Rechnungen, die jetzt bei Gericht landen, wurde in einem Jahrzehnt ausgestellt, in dem Verschuldung aussah wie Kompetenz.

Wir sehen darin die eigentliche Lehre dieser Zahlen. Nicht der Zins hat diese Betriebe umgeworfen. Es war die Annahme, dass er niedrig bleibt… und ein Geschäft, das nur unter dieser Annahme aufging.

Wie es anders geht, zeigt ein Unternehmer aus genau der Branche, die gerade am härtesten getroffen ist. Werner Mürz ist alleiniger Inhaber der Residia Gruppe in München. Sie hält eigene Wohnimmobilien und entwickelt Projekte, Studentenapartments und Service-Apartments in Süddeutschland.

Mürz hat lange in großen Häusern gearbeitet, bei einer Bank und in der Fondsverwaltung. Er hat also gesehen, wie dort gerechnet wird. Im Gespräch mit Wirtschaftsforum sagt er, die Bereinigung am Markt sei absehbar gewesen: in der Niedrigzinsphase seien viele Projekte mit so viel fremdem Geld wie nur möglich kalkuliert worden.

Sein eigenes Modell beschreibt er so: „Unsere typischen Projektgrößen sind bewusst so dimensioniert, dass wir sie vollständig aus eigener Kraft tragen können, ohne auf externe Kapitalgeber angewiesen zu sein.“

Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit aus dem Lehrbuch des ehrbaren Kaufmanns. In den Jahren des billigen Geldes war es das Gegenteil… eine Entscheidung, auf Wachstum zu verzichten, das andere sich einfach geliehen haben.

Zehn Jahre lang sah Vorsicht… aus wie Trägheit. Die Vorsichtigen bauten kleiner, kauften seltener und mussten zusehen, wie andere schneller wuchsen. Wer heute noch steht, wird für genau diese Jahre gerade nachträglich bezahlt.

Mürz nennt noch einen zweiten Grundsatz, und der reicht über die Immobilien hinaus. Komplexität führe oft zu Fehlern, sagt er, deshalb suche er einfache, robuste Lösungen. Eine Finanzierung mit drei Schichten Kapital ist genau so eine Komplexität… sie funktioniert, solange keine Schicht nachgibt.

Für den übrigen Mittelstand ist die Frage deshalb nicht, wo die Zinsen im nächsten Jahr stehen. Das weiß niemand. Die Frage ist, welcher Teil des eigenen Geschäfts nur funktioniert, solange die Bank zu den alten Bedingungen weitermacht.

Ein guter Anfang ist die Liste der Finanzierungen, deren Zinsbindung in den nächsten zwei Jahren ausläuft. Für jede davon lohnt sich die Rechnung mit dem heutigen Zins statt mit dem von damals. Wo das Ergebnis kippt, liegt kein Zinsrisiko, sondern ein Geschäftsmodell, das auf einer Annahme steht.

Und beim nächsten Vorhaben lohnt sich die Frage, die Mürz sich bei jedem Projekt stellt. Nicht, wie groß es werden kann, sondern wie groß es sein darf, wenn man es allein tragen muss.

Das ist kein Plädoyer gegen Kredite. Ein Betrieb, der nie Fremdkapital nimmt, wächst oft langsamer als er könnte. Es ist ein Plädoyer dafür, zu wissen, welcher Teil des Wachstums einem gehört… und welcher nur geliehen ist.

Billiges Geld hat ein Jahrzehnt lang die Mutigen belohnt. Jetzt zeigt sich, wer mutig war und wer nur günstig finanziert hatte.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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