Morning Brief
Lieferkettencyclen

Das kurze Gedächtnis des Einkaufs

Krisenreflexe im Mittelstand, Resilienz als Rechnung, Critical Medicines Act als Staatslösung

Erschienen am 4:21 Min.Folge 75

Mittwoch, 14. Oktober 2026
Das kurze Gedächtnis des Einkaufs
0:004:21
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Worum es geht

Der Mittelstand entdeckt nach jeder Krise europäische Lieferanten neu, kehrt aber in ruhigen Zeiten zum billigsten Angebot zurück. Das Gespräch mit einem Thüringer Spezialhersteller zeigt, was dieses Muster für die andere Seite bedeutet. Und ein neues EU-Gesetz für kritische Arzneimittel zeigt, wie der Staat darauf reagiert: indem er das Gedächtnis ins Regelwerk schreibt.

Akt 1: Was passiert ist

In einer repräsentativen Sonderumfrage der DZ Bank (Februar 2026) unter mehr als 1.000 Inhabern und Geschäftsführern hat jeder zweite angegeben, seinen Einkauf (51 %) und seinen Absatz (53 %) stärker in die Nähe holen zu wollen. 41 % wollen Beschaffung und Absatz breiter diversifizieren. Das sind Absichten, keine gemessenen Verlagerungen. Parallel berichten Hersteller wie die Laborchemie Apolda GmbH (Apolda, Thüringen, rund 80 Beschäftigte, 16 Mio. EUR Umsatz, Tochter der HEYL Chemisch-pharmazeutischen Fabrik) von einer erneut steigenden Nachfrage europäischer Kunden, getrieben durch gestörte Lieferketten.

Akt 2: Wie es wirklich funktioniert

Mirco Arndt, einer der Geschäftsführer der Laborchemie Apolda, beschreibt im Interview mit Wirtschaftsforum das Muster: „In den vergangenen sechs Monaten haben wir aufgrund gestörter Lieferketten eine neue Rückbesinnung auf europäische Lieferanten wahrgenommen, ähnlich wie nach der Coronapandemie.“ Das Schlüsselwort ist „ähnlich“: die Rückbesinnung nach der Pandemie endete, als die Preise asiatischer Wettbewerber wieder attraktiver wurden. Das Unternehmen verlor in den vergangenen Jahren viele Volumenprodukte an Anbieter aus Indien und China, weil der Preisdruck zu groß und der Qualitätsvorsprung geschrumpft ist. Ein europäischer Lieferant, der nur in Krisenzeiten Aufträge bekommt, kann die Kapazität für die nächste Krise nicht vorhalten.

Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet

Im Mai 2026 einigten sich das Europäische Parlament und der Rat der EU vorläufig auf den Critical Medicines Act. Öffentliche Auftraggeber sollen bei der Beschaffung kritischer Arzneimittel (u. a. Antibiotika, Insulin, Schmerzmittel) Resilienzkriterien anwenden und, wo die Abhängigkeit von wenigen Drittländern hoch ist, EU-Produktion bevorzugen. Die formelle Annahme durch Parlament und Rat steht noch aus. Für alle anderen Branchen bleibt die Entscheidung beim Betrieb: den wenigen kritischen Vorprodukten mit nur einer Bezugsquelle einen festen Abnahmeanteil bei einem Anbieter in der Nähe sichern, und diesen Anteil im Einkauf nicht als Mehrkosten, sondern als Teil der Lieferfähigkeit verbuchen.

Die Zahl des Tages

Einundvierzig Prozent der befragten mittelständischen Inhaber und Geschäftsführer wollen laut DZ-Bank-Sonderumfrage (Februar 2026) Beschaffung und Absatz künftig auf mehr Märkte verteilen. Ein Viertel plant trotz aller geopolitischen Verschiebungen sogar eine globalere Strategie. Die Zahl zeigt: Diversifizierung bedeutet nicht zwingend Heimatmarkt. Sie bedeutet, die Abhängigkeit von einem einzigen Ort zu brechen, egal wo dieser liegt.

Aus dem Netzwerk

Das vollständige Gespräch mit Mirco Arndt und Dr. Eduard Heyl, Geschäftsführern der Laborchemie Apolda GmbH, ist auf wirtschaftsforum.de erschienen: „Flexibilität in der Nische“. Das Interview beleuchtet, wie ein Spezialhersteller mit rund 80 Beschäftigten die Lücke besetzt, die für die Großen zu klein und für die Kleinen zu groß ist, und welche drei Projekte das Unternehmen gerade verfolgt, um unabhängiger von asiatischen Quellen zu werden.

Eine Sache noch

Ein Viertel der befragten Mittelständler plant laut DZ-Bank-Umfrage trotz aller Verwerfungen eine globalere Einkaufs- und Verkaufsstrategie. Das ist kein Widerspruch zur These dieses Briefings. Es ist ihre Schärfung: Resilienz heißt nicht, weniger weit zu kaufen. Es heißt, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Wer breiter aufgestellt ist, braucht den Rettungsring seltener.

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Der gesprochene Text der Folge im Wortlaut. Die Sprecherstimme ist synthetisch, Themenauswahl, redaktionelle Kontrolle und inhaltliche Verantwortung liegen bei der Redaktion des Wirtschaftsforum.

Nach der Pandemie war der Vorsatz in vielen Einkaufsabteilungen derselbe: nie wieder so abhängig von einem einzigen Lieferanten am anderen Ende der Welt. Europäische Anbieter bekamen Anfragen wie seit Jahren nicht mehr.

Ein paar Preisrunden später lag ein großer Teil der Bestellungen wieder dort, wo er vorher gelegen hatte.

Guten Morgen. Heute ist Mittwoch, der vierzehnte Oktober, und das ist der Morning Brief von Wirtschaftsforum. Was der Tag für Ihr Unternehmen bedeutet.

Gerade… wiederholt sich die Szene. Gestörte Lieferwege, Engpässe bei Vorprodukten, und wieder klingeln bei europäischen Herstellern die Telefone. Wer genau zuhört, hört in diesen Anrufen allerdings keinen Strategiewechsel, sondern ein Muster.

Der Mittelstand hat ein gutes Gedächtnis für Krisen… und ein kurzes für ihre Lehren. Das ist kein Vorwurf an einzelne Einkäufer. Es ist die Folge einer Rechnung, die in ruhigen Zeiten fast immer für den billigeren Lieferanten ausgeht.

Der Wille ist dabei durchaus da. In einer repräsentativen Umfrage der DZ Bank unter mehr als tausend Inhabern und Geschäftsführern hat jeder zweite angegeben, seinen Einkauf stärker in die Nähe holen zu wollen.

Angegeben, wohlgemerkt. Eine Absicht ist in einer Befragung schnell geäußert… im Einkauf muss sie jeden Monat neu gegen ein günstigeres Angebot bestehen.

Wie sich das von der anderen Seite anfühlt, beschreibt ein Hersteller aus Thüringen. Die Laborchemie Apolda produziert mit rund achtzig Beschäftigten Spezialchemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe, darunter Gegenmittel gegen Vergiftungen für die Katastrophenmedizin.

Gegen die Konkurrenz aus Indien und China, so berichtet es Mirco Arndt, einer der Geschäftsführer, im Gespräch mit Wirtschaftsforum, hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren viele seiner Volumenprodukte verloren, also das Geschäft mit den großen Mengen. Der Preisdruck war zu groß, und der Qualitätsvorsprung schrumpft.

Und dann dieser Satz: „In den vergangenen sechs Monaten haben wir aufgrund gestörter Lieferketten eine neue Rückbesinnung auf europäische Lieferanten wahrgenommen, ähnlich wie nach der Coronapandemie.“

Man kann das als gute Nachricht hören. Wir hören darin eher eine Warnung. Denn das kleine Wort „ähnlich“ erzählt, wie die letzte Rückbesinnung ausgegangen ist.

Hier liegt der Punkt, der in der Debatte meistens fehlt. Ein europäischer Lieferant ist keine Reserve, die man im Schrank lässt und bei Bedarf herausholt. Er braucht Aufträge auch in ruhigen Jahren, sonst gibt es ihn in der nächsten Krise nicht mehr.

Wer nur in der Krise europäisch einkauft, kauft keine Sicherheit. Er kauft einen Rettungsring, der irgendwann nicht mehr da ist, wenn er gebraucht wird.

Bei Arzneimitteln soll daraus gerade eine Regel werden. Im Mai haben sich das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten vorläufig auf ein Gesetz für kritische Arzneimittel geeinigt. Öffentliche Auftraggeber sollen dabei die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten stärker gewichten und, wo die Abhängigkeit von wenigen Drittländern hoch ist, Herstellung in der Europäischen Union bevorzugen.

Der Staat will sich das Gedächtnis also ins Gesetz schreiben, weil er ihm selbst nicht traut. Für die übrigen Branchen gibt es keine solche Regel. Dort muss der Betrieb sich selbst daran erinnern.

Das kostet Geld, und das sollte man offen sagen. Ein zweiter Lieferant in der Nähe ist teurer als der billigste. Der Aufpreis ist… eine Versicherungsprämie. Und eine Prämie, die man nur zahlt, wenn das Haus schon brennt, ist keine Versicherung.

Praktisch heißt das zuerst, die wenigen Vorprodukte zu kennen, an denen wirklich alles hängt, und bei denen es nur eine Bezugsquelle in einer fernen Region gibt. Meist sind es weniger, als man denkt.

Für genau diese lohnt sich ein fester Anteil bei einem Anbieter in der Nähe, mit einer Abnahme, auf die er sich verlassen kann… auch dann, wenn der Preis anderswo wieder fällt. Im Einkauf sollte dieser Anteil nicht als Mehrkosten auftauchen, sondern als das, was er ist: ein Teil der Lieferfähigkeit.

Das ist kein Plädoyer gegen Asien und keines für Heimattümelei. Es ist ein Plädoyer dafür, die Lehre einer Krise auch dann noch zu bezahlen, wenn die Krise vorbei ist.

Die nächste Störung kommt bestimmt. Offen ist nur, ob dann noch jemand in der Nähe ist, der liefern kann.

Das war Ihr Morning Brief. Bis morgen früh.

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