Worum es geht
Der Mittelstand entdeckt nach jeder Krise europäische Lieferanten neu, kehrt aber in ruhigen Zeiten zum billigsten Angebot zurück. Das Gespräch mit einem Thüringer Spezialhersteller zeigt, was dieses Muster für die andere Seite bedeutet. Und ein neues EU-Gesetz für kritische Arzneimittel zeigt, wie der Staat darauf reagiert: indem er das Gedächtnis ins Regelwerk schreibt.
Akt 1: Was passiert ist
In einer repräsentativen Sonderumfrage der DZ Bank (Februar 2026) unter mehr als 1.000 Inhabern und Geschäftsführern hat jeder zweite angegeben, seinen Einkauf (51 %) und seinen Absatz (53 %) stärker in die Nähe holen zu wollen. 41 % wollen Beschaffung und Absatz breiter diversifizieren. Das sind Absichten, keine gemessenen Verlagerungen. Parallel berichten Hersteller wie die Laborchemie Apolda GmbH (Apolda, Thüringen, rund 80 Beschäftigte, 16 Mio. EUR Umsatz, Tochter der HEYL Chemisch-pharmazeutischen Fabrik) von einer erneut steigenden Nachfrage europäischer Kunden, getrieben durch gestörte Lieferketten.
Akt 2: Wie es wirklich funktioniert
Mirco Arndt, einer der Geschäftsführer der Laborchemie Apolda, beschreibt im Interview mit Wirtschaftsforum das Muster: „In den vergangenen sechs Monaten haben wir aufgrund gestörter Lieferketten eine neue Rückbesinnung auf europäische Lieferanten wahrgenommen, ähnlich wie nach der Coronapandemie.“ Das Schlüsselwort ist „ähnlich“: die Rückbesinnung nach der Pandemie endete, als die Preise asiatischer Wettbewerber wieder attraktiver wurden. Das Unternehmen verlor in den vergangenen Jahren viele Volumenprodukte an Anbieter aus Indien und China, weil der Preisdruck zu groß und der Qualitätsvorsprung geschrumpft ist. Ein europäischer Lieferant, der nur in Krisenzeiten Aufträge bekommt, kann die Kapazität für die nächste Krise nicht vorhalten.
Akt 3: Was es im Betrieb bedeutet
Im Mai 2026 einigten sich das Europäische Parlament und der Rat der EU vorläufig auf den Critical Medicines Act. Öffentliche Auftraggeber sollen bei der Beschaffung kritischer Arzneimittel (u. a. Antibiotika, Insulin, Schmerzmittel) Resilienzkriterien anwenden und, wo die Abhängigkeit von wenigen Drittländern hoch ist, EU-Produktion bevorzugen. Die formelle Annahme durch Parlament und Rat steht noch aus. Für alle anderen Branchen bleibt die Entscheidung beim Betrieb: den wenigen kritischen Vorprodukten mit nur einer Bezugsquelle einen festen Abnahmeanteil bei einem Anbieter in der Nähe sichern, und diesen Anteil im Einkauf nicht als Mehrkosten, sondern als Teil der Lieferfähigkeit verbuchen.
Die Zahl des Tages
Einundvierzig Prozent der befragten mittelständischen Inhaber und Geschäftsführer wollen laut DZ-Bank-Sonderumfrage (Februar 2026) Beschaffung und Absatz künftig auf mehr Märkte verteilen. Ein Viertel plant trotz aller geopolitischen Verschiebungen sogar eine globalere Strategie. Die Zahl zeigt: Diversifizierung bedeutet nicht zwingend Heimatmarkt. Sie bedeutet, die Abhängigkeit von einem einzigen Ort zu brechen, egal wo dieser liegt.
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Das vollständige Gespräch mit Mirco Arndt und Dr. Eduard Heyl, Geschäftsführern der Laborchemie Apolda GmbH, ist auf wirtschaftsforum.de erschienen: „Flexibilität in der Nische“. Das Interview beleuchtet, wie ein Spezialhersteller mit rund 80 Beschäftigten die Lücke besetzt, die für die Großen zu klein und für die Kleinen zu groß ist, und welche drei Projekte das Unternehmen gerade verfolgt, um unabhängiger von asiatischen Quellen zu werden.
Eine Sache noch
Ein Viertel der befragten Mittelständler plant laut DZ-Bank-Umfrage trotz aller Verwerfungen eine globalere Einkaufs- und Verkaufsstrategie. Das ist kein Widerspruch zur These dieses Briefings. Es ist ihre Schärfung: Resilienz heißt nicht, weniger weit zu kaufen. Es heißt, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Wer breiter aufgestellt ist, braucht den Rettungsring seltener.